Wenn der Gutachter ein Mal klingelt

Wer Pflege braucht, muss erst die Mitarbeiter des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen empfangen. Die schwarz-gelbe Koalition will den Gutachtern nun einen Verhaltenskodex verordnen. Foto: Thomas Nitsche
Wer Pflege braucht, muss erst die Mitarbeiter des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen empfangen. Die schwarz-gelbe Koalition will den Gutachtern nun einen Verhaltenskodex verordnen. Foto: Thomas Nitsche
Foto: WP
Wenn der Gutachter vom Medizinischen Dienst beurteilt, wie viel Pflege ein Mensch braucht, können Angehörige manchmal Unerhörtes berichten. Die schwarz-gelbe Bundesregierung will nun dem MDK einen Kodex auferlegen. Der hilft jedoch nach Einschätzung der Experten nichts.

Hagen. Wenn die alte Dame ohnehin nicht mehr vor die Tür geht, sondern im Sessel sitzt, dann braucht sie keine Hilfe, sich anzuziehen. Dann kann sie den Tag doch im Nachthemd verbringen, oder? Wenn der Gutachter vom Medizinischen Dienst beurteilt, wie viel Pflege ein Mensch braucht, können Angehörige manchmal Unerhörtes berichten.

In den Beratungsstellen der Sozialverbände oder Verbraucherzentralen erfährt man immer wieder von solchen Begebenheiten. Und dennoch: Ein Kodex, wie ihn die schwarz-gelbe Bundesregierung nun dem MDK auferlegen will, hilft dagegen nach Einschätzung der Experten nichts.

Zu einem „respektvollen Verhalten gegenüber den Versicherten und deren Angehörigen“, will die Koalition die Gutachter des MDK verpflichten. So steht es im Gesetzentwurf für die Pflegereform. Daraus resultiere „die Verpflichtung der medizinischen Dienste zur umfassenden Aufklärung und Beratung“, heißt es weiter. Falls es doch einmal Ärger gibt, wird der MDK verpflichtet, ein Beschwerdemanagement einzuführen.

150 000 Gutachten im Jahr

Alles nichts Neues, wie Peter Dinse vom MDK in Westfalen-Lippe versichert. Einen solchen Kodex, wie sich die Gutachter verhalten sollen, gibt es seit 1998. Ebenso ein Beschwerdemanagement. Es sei allerdings eine „Rarität“, das dieses in Anspruch genommen werde. Etwa 150 000 Gutachten hat der medizinische Dienst Westfalen-Lippe im Jahr 2010 erstellt. Nur in 75 Fällen (0,05 Prozent) hätten sich Versicherte beklagt über das Verhalten der Gutachter.

Etwas anderes ist es mit den Widersprüchen gegen die Entscheidung, welche Pflegestufe den Patienten zugestanden wird: In 6,5 Prozent aller Fälle haben sich Patienten oder deren Angehörige gewehrt. Ein Drittel von ihnen hat in Westfalen-Lippe Recht bekommen, so Peter Dinse.

Ärger gebe es weniger darum, dass die Versicherten und ihre Angehörigen sich unfreundlich behandelt fühlten. In der Regel seien die Gutachter höflich. Ärger gebe es vielmehr darum, dass die Patienten mit der Entscheidung über die Pflegestufen nicht einverstanden seien, erklärt Heike Nordmann von der Verbraucherzentrale NRW.

Daran könnten auch mehr Freundlichkeit und ein Verhaltenskodex nichts ändern, sondern nur ein „Kostenkodex“, sagt Wolfram-Arnim Candidus von der Bürgerinitiative Gesundheit. Er fordert daher einen Medizinischen Dienst, der ganz unabhängig begutachtet - und nicht mehr den Pflegekassen unterstellt ist.

Strenger Minutentakt

Der strenge Minutentakt, der den Gutachtern vorgegeben ist, wenn sie einschätzen sollen, wie pflegebedürftig ein Versicherter ist, sei ebenfalls ein Grund, warum mancher Patient zu seinem Unmut weniger Geld von der Pflegekasse bekomme als erwartet, sagt Frank Meyer vom VdK Siegen-Wittgenstein und Olpe. Die zierliche Oma zu baden, brauche nun einmal weniger Minuten als den korpulenten Schwiegervater, erklärt er.

Den dementen Vater, der sich nicht waschen lassen will, dazu anzuhalten, dieses selbst zu tun, kostet noch einmal mehr Zeit, gibt Heike Nordmann zu bedenken. Vom Minutentakt abzuweichen, müsse der Gutachter aber aufwändig begründen. Daher werde den Pflegebedürftigen oft nur die Spanne zugestanden, die ein Pfleger braucht, um dem verwirrten Vater das Waschen ganz abzunehmen.

Also müsse der Pflegebegriff reformiert, die Demenz darin angemessen berücksichtigt werden, fordert Manuela Anacker. Das hat die Politik schon lange versprochen - und nun den Kodex geschaffen. „Der aber“, so Manuela Anacker, „hilft nichts, wenn es keine Sanktionen gibt.“

 
 

EURE FAVORITEN