Wenn der Computer die Zeit im Kinderzimmer frisst

Florian surft an einem Laptop auf der Kindersuchmaschine www.blinde-kuh.de.
Florian surft an einem Laptop auf der Kindersuchmaschine www.blinde-kuh.de.
Foto: WAZ FotoPool
Jugendmedienschutz im digitalen Zeitalter: Der Umgang ihrer Kinder mit dem PC beschäftigt Eltern sehr. Eine Studie untersucht Strategien im Umgang mit den Medien. Vermeidungsstrategien von früher - die Familie verzichtet auf ein Fernsehgerät - funktionierten sowieso nicht mehr.

Hagen.. Wie viele Stunden am Tag? Im eigenen Zimmer? Welche Spiele? Was gibt man preis? Über diese Fragen wird in deutschen Familien gesprochen, verhandelt und gestritten. Der Umgang ihrer Kinder mit Computer und Internet beschäftigt Eltern sehr. Aber wie genau? Was wissen sie von der digitalen Welt? Wie gehen sie um mit Facebook & Co? Das hat Thorsten Junge, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fernuni Hagen, in seiner Dissertation untersucht: „Jugendmedienschutz und Medienerziehung im digitalen Zeitalter - Eine explorative Studie zur Rolle der Eltern“.

Das Explorative an Junges Studie besteht darin, dass er die Eltern befragt hat. Nicht per Bogen zum Ankreuzen, sondern in ausführlichen Gesprächen. 14 Eltern aus dem Raum Hagen mit Kindern im Alter zwischen 14 und 16 Jahren gaben Auskunft. Die Stichprobe ist damit deutlich zu klein, um repräsentativ zu sein, aber groß genug, um erkennen zu können, wie unterschiedlich Eltern mit dem Thema umgehen. Junge hat aus diesen Strategien fünf Grund-Typen gebildet.

1. Freiraum gewährender Typ Freiraum gewährender Typ

  • Er erlaubt den Computer im Kinderzimmer, die Nutzung von sozialen Netzwerken und Spielen. Es gibt Regeln für die tägliche Nutzungsdauer, aber keine umfassende Kontrolle. Diese Eltern haben ein relativ großes Vertrauen - „auch aus ihren bisherigen positiven Erfahrungen heraus“, ergänzt Junge.

2. Begrenzender Typ

  • Er fürchtet, dass Online-Spiele zu exzessiv genutzt oder zu teuer würden, also verbietet er sie lieber ganz. Das gilt auch für Facebook. Er wüsste nicht, wie er die Nutzung steuern sollte, also erlaubt er sie gar nicht.

3. Regulierend-kontrollierender Typ

  • Er erlaubt die Nutzung prinzipiell, kontrolliert aber das Verhalten, teils auch verdeckt. Auf eine Missachtung der Regeln folgen drastische Sanktionen.

4. Autoritär-bewahrender Typ

  • Er lehnt digitale Medien prinzipiell ab und lässt die Nutzung, wo er sie als unvermeidbar erkennt, nur in ganz engen Grenzen zu.

5. Unsicherer Typ.

  • Er hat kein klares Konzept und wünscht sich, der Staat würde mehr verbieten und die Schule einen stärkeren Beitrag leisten.

Thorsten Junge war von diesen Ergebnissen überrascht: „Ich hätte erwartet, dass das Verhalten homogener wäre, zumal alle Familien mehr oder weniger der Mittelschicht entstammen.“ Für den Jugendmedienschutz habe das weitreichende Konsequenzen. „Wir müssen die unterschiedlichen Typen unterschiedlich ansprechen.“ Den einen mehr Offenheit vermitteln, den anderen Grund-Informationen über Sicherheitseinstellungen.

Es existierten aber auch viele Gemeinsamkeiten, betont der Forscher: „Alle Eltern wissen, dass sie sich mit den neuen Medien ausein­andersetzen müssen. Der öffentliche Diskurs ist angekommen.“ Für Eltern sei das ein großes und dauerhaftes Thema - auch wenn die Schule wichtiger sei. „So lange die Noten stimmen und für die Kinder die Freunde entscheidender sind als der Computer, machen sie sich keine großen Sorgen.“ Und was Gewalt angehe, Rechtsradikalismus oder Pornografie - da griffen grundlegende Erziehungsprinzipien, die man für digitale Medien nicht neu verhandeln müsse.

Vermeidungsstrategien von früher - die Familie verzichtet auf ein Fernsehgerät - funktionierten sowieso nicht mehr: „Alle haben und brauchen Zugang zum Internet.“ Und eine Gemeinsamkeit hat Junge auch bei allen Eltern festgestellt: „Sie können nicht wirklich nachvollziehen, was die Kinder an den sozialen Netzwerken so fasziniert. Selbst wenn sie es tolerieren, machen sie sich eher darüber lustig.“

Wie viel Privates öffentlich werden sollte - das ist ein Hauptthema. Wobei Junge da eine Übergangszeit konstatiert: „Es ist noch nicht klar, welche Konsequenzen die Partyfotos von heute in Zukunft haben können.“ Auch anderes entwickelt sich weiter: Als der Wissenschaftler 2011 die Gespräche führte, waren Smartphones unter Jugendlichen noch die Ausnahme. Inzwischen könnte sich also schon wieder einiges verändert haben.

Wichtig ist dem Pädagogen aber noch eine andere Aussage: „Nicht alle Jungen sind begeistert von Gewaltspielen. Nicht alle Mädchen wollen exzessiv chatten. Vielen Kindern sind andere Freizeitaktivitäten deutlich wichtiger.“

 
 

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