Warum der Waschbär zum Problembär in NRW wird

Putzig und nervig: Der Waschbär wird auch im Ruhrgebiet immer häufiger zum ungebetenen Mitbewohner.
Putzig und nervig: Der Waschbär wird auch im Ruhrgebiet immer häufiger zum ungebetenen Mitbewohner.
Foto: Thinkstock
In NRW kursieren immer mehr Berichte über eine wahre Waschbären-Invasion. Ein führender Experte hält das allerdings für eine „höchst emotional, aber auf sehr geringer Wissensbasis geführte Diskussion. " Er warnt vor der Verteufelung eines tierischen Neubürgers.

Hagen. Der Waschbär, das unbekannte Wesen: Über den nachtaktiven Kleinräuber, der ein sehr verborgenes Leben führt und sich auch in Südwestfalen breit gemacht hat, wissen die Menschen wenig. Für Waschbären-Forscher Frank-Uwe Michler der Grund, warum der „maskierte Allesfresser“ derzeit in der Öffentlichkeit zum Problembären aufgebaut wird.

Es sind nicht die eher putzigen Geschichten wie die über den Waschbären, der eine Stunde lang bei einem Optiker in einer Fußgängerzone herumspaziert, die in jüngster Zeit die öffentliche Meinung bestimmen. Sondern Berichte über Artgenossen, die sich auf Hausgrundstücken einnisten und fressen, was ihnen vor die Vorderpfoten kommt. In Orten am Rande des Arnsberger Waldes sollen Anwohner mit Hilfe von Schlössern an Mülltonnen ein Waschbären-Schlaraffenland verhindern.

Waschbären-Seminar für Jäger

Erzählt man Frank-Uwe Michler von solchen Fällen, ist keine Regung bei ihm zu vernehmen. Der führende deutschsprachige Waschbären-Forscher aus dem brandenburgischen Eberswalde hat erst kürzlich am Edersee am Rande des Sauerlandes ein Waschbären-Seminar für Jäger abgehalten. Er kann den Wirbel um die gut zehn Kilogramm schweren Tiere, die doppelt so groß wie eine Hauskatze sind, nicht recht verstehen. Er will die „höchst emotional, aber auf sehr geringer Wissensbasis geführte Diskussion“ versachlichen. „Eine Verteufelung der Tierart ist nicht gerechtfertigt.“

Es sind Berichte über eine vermeintliche Waschbären-Plage bzw. Waschbären-Invasion, die in den Köpfen der Menschen hängen bleiben. Dabei, sagt der Diplom-Biologe, verdränge der Waschbär keine Tierart, übertrage keine Krankheiten auf den Menschen oder andere Tiere, richte keinen großen wirtschaftlichen Schaden an.

Lange stiefmütterlich behandelt

Obwohl er sich seit 80 Jahren in Mitteleuropa aufhält und nach deutschem Recht den Status einer „heimischen Art“ besitzt, sei er „ein Exot, ein Neubürger“ geblieben, so Michler. „Er wurde lange von der Forschung stiefmütterlich behandelt und spielt in unserer Folklore keine Rolle, im Gegensatz zu Tieren wie Reineke Fuchs oder Meister Petz, die in der deutschen Literatur ihren Platz gefunden haben.“

Stattdessen eben wenig differenzierte „Horror-Geschichten“ über den nachtaktiven Liebhaber von Obst und Getreide, der sich so gern in Feuchtlebensräumen aufhält. Dabei, so Michler, ist in Siedlungsräumen mit wenig Aufwand gezieltes Konfliktmanagement zu betreiben. Beispiel Kassel: In der Hauptstadt Nordhessens habe jedes Haus Vorrichtungen gegen das Eindringen von Waschbären. Doch solche positiven Beispiele würden kaum transportiert, findet Michler. Die Folge aus seiner Sicht: Andernorts „brodele es“ derzeit: „Man schaut nicht über den Tellerrand, was an Erfahrungsschatz und Wissen vorhanden ist.“

Dem Biologen von der Gesellschaft für Wildökologie und Naturschutz zufolge gibt es mindestens 500.000 Waschbären in Deutschland. 67.000 Exemplare wurden im vergangenen Jahr von Jägern erlegt. Dem NRW-Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz zufolge traten die possierlichen Tiere bereits 1945 im Osten des Südwestfälischen Berglandes in Erscheinung. Um 1968 hatten Waschbären das Sauerland mit Ausnahme des westlichen Teils besiedelt. Die Behörde schätzt, dass es im „gut besetzten Lebensraum Sauerland“ eine Dichte von zwei bis vier Tieren pro Quadratkilometer gibt. Vorkommensschwerpunkte in NRW sollen der Hochsauerlandkreis sowie die Kreise Soest, Paderborn, Höxter und Lippe sein.

Keine Plage

Der Waschbär auf dem Weg zur Plage? Schon streiten sich in Nordrhein-Westfalen Jäger und Naturschützer. Wissenschaftler Michler bleibt auch da ganz emotionslos. Seiner Ansicht nach müssen die Menschen lernen, mit Waschbären zu leben – „ob es gefällt oder nicht“. Sie noch einmal loszubekommen, so der Experte für die aus Nordamerika eingeführten Tiere, das „ist reines Wunschdenken“.

 
 

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