Warum der Patient in die Röhre guckt

Hagen..  Auf dem Land werden die Ärzte knapp. Ein großes Thema: die drohende Unterversorgung. Nicht weniger problematisch aber ist die bereits existierende Überversorgung: Ärztliches Handeln kann wirkungslos oder sogar schädlich sein. Auf ihrem heute beginnenden Jahreskongress will die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) eine Kampagne gegen überflüssige Diagnostik und Behandlungen starten. „Klug entscheiden“ soll sie nach dem amerikanischen Vorbild „Choosing wisely“ heißen.

„Ich finde das gut“, sagt Dr. Hans-Heiner Decker. „Wir müssen über die Gefahr des Übertherapierens reden. Das Gesundheitssystem schafft Fehlanreize, die den Patienten auch schaden können.“ Am problematischsten ist für den Arnsberger Internisten und Palliativmediziner der Umgang mit sehr alten Patienten: „Da wird bis zur letzten Patrone behandelt, da geht der Weg vom Krankenhaus über die Kurzzeitpflege wieder ins Krankenhaus, da wird operiert ohne Berücksichtigung des Gesamtzustandes.“ Decker sieht „die Schraube überdreht. Wir müssen nicht alles machen, wir brauchen mehr Augenmaß.“ Betroffen sei das gesamte medizinische System.

Dr. Jörg Woeste, Allgemeinmediziner aus Wetter, hat es während der jüngsten Erkältungswelle wieder erlebt: „Viele Patienten stehen unter Druck. Die wollen am nächsten Tag wieder arbeiten und etwas haben, das sofort wirkt. Antibiotika. Dass die gegen einen Virus nichts ausrichten, wissen sie nicht.“ Verschrieben werden die Medikamente trotzdem. Über die Gründe kann Woeste nur spekulieren: „Manche Ärzte fühlen sich wohl von Patienten bedrängt.“

Röntgenbild lindert keinen Schmerz

Die Patienten sind also selbst schuld? So will der Siegener Allgemeinmediziner Dr. Michael Klock das nicht sehen: „Die Verantwortung liegt beim Arzt, auch wenn der Patient wegen seiner Rückenschmerzen sofort ein CT oder MRT will. Schwerwiegende Dinge lassen sich auch ohne bildgebendes Verfahren ausschließen.“ Decker stimmt zu: „Mit keinem Röntgenbild der Welt bekommen Sie einen Schmerz gelindert.“ Doch er macht auch die Erfahrung, dass Patienten sich im Internet informieren und dann vom Arzt eine differenzierte Diagnostik verlangen.

Klock, der auch als Lehrbeauftragter an der Ruhruni Bochum wirkt („Am Mittwoch habe ich wegen Stromausfalls eine Vorlesung im Dunkeln gehalten – das war ein tolles Erlebnis“) ist da streng: „Der Patient hat Anspruch auf eine korrekte Vorgehensweise, nicht auf eine korrekte Diagnose. Abwartendes Offenlassen ist meist die beste ärztliche Wahl. Dazu braucht man Geduld.“ Natürlich müsse man erkennen, ob etwas gefährlich sei. Das sei aber meist auch ohne viel Technik möglich. Klock: „Meine junge Kollegin hat sich kürzlich gewundert, wie viel ich mit den Menschen rede.“

Falscher finanzieller Anreiz

Für den Technik-Einsatz gibt es aber noch andere Gründe: „Wenn der Patient einmal ins Lungenfunktionsgerät pustet, darf der Arzt den doppelten Betrag abrechnen“, sagt Woeste. Der falsche finanzielle Anreiz ist also das eine Motiv. Das andere nennt Hans-Heiner Decker: „Man will sich absichern. Kein Kollege will juristisch belangt werden, weil er etwas übersehen haben könnte. Wer ein breites Kreuz hat, kann das aussitzen. Wer nicht, greift zur Überdiagnostik.“

Ist es für Ärzte vielleicht generell schwer, nichts zu tun? „Das Unterlassen von Leistungen wird finanziell nicht unterstützt“, betont Decker. Aber der Arzt müsse Interessenvertreter des Patienten sein: „Es gilt der Grundsatz, nicht zu schaden. Nicht alles, was man machen kann, ist sinnvoll.“ Deshalb sei die DGIM-Initiative wichtig. Sie könne zu einer Bewusstseinsänderung führen. „Wir sollten uns intensiv damit beschäftigen, was entbehrlich wäre“, meint auch Michael Klock.

Einig sind sich alle drei Ärzte in der Überzeugung, dass das Gespräch mit dem Patienten zu gering vergütet werde. „Aber den Glauben, dass sich daran etwas Wesentliches ändert, habe ich verloren“, sagt Decker.

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