Vogel bremst Windrad aus

Windräder sind nicht überall willkommen.
Windräder sind nicht überall willkommen.
Foto: dpa
Windrad läuft nur nachts: Die Rohrweihe soll in Erwitte geschützt werden.

Arnsberg/Erwitte.. Die Rohrweihe (Circus aeruginosus) ist keinesfalls ein komischer Vogel. Mit seiner Länge zwischen 48 und 62 Zentimetern ist der Greifvogel fast so groß wie ein Bussard. Freilich zierlicher gebaut. Weil er immer seltener vorkommt, wurde er zur geschützten Tierart erklärt. Schützen wollen ihn auch Naturfreunde, die Kollisionen mit Windrädern befürchten - sie haben das Verwaltungsgericht Arnsberg angerufen.

Dass die Rohrweihe nicht nur in freier Natur mit ihrer Flügelspannweite von bis zu 130 Zentimetern Wind macht, sondern jetzt auch in Justitias Fänge geraten ist, hängt mit einer Windkraftanlage in Erwitte zusammen. Einem Landwirt hatte der Kreis Soest die Genehmigung zum Betrieb eines Windrades erteilt. Mitten im europäischen Vogelschutzgebiet „Hellwegbörde“. Das brachte den Landesverband NRW des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) auf den Plan. Zumal der weltweite Bestand der Rohrweihe nur noch auf 100 000 Exemplaren (in Deutschland bis zu 6600) geschätzt wird.

Weil die Naturschützer befürchteten, dass die Rohrweihe in die Rotorblätter jener Windkraftanlage geraten könnte, hatten sie wenige Wochen nach Inbetriebnahme mit Hilfe von zwei Eilanträgen vor dem Verwaltungsgericht Arnsberg (im April und Juli 2013) eine zeitweise Stilllegung erreicht. „Die Anlage ist zum Schutz in der Nähe brütender Rohrweihen und wegen der Jungvogelaufzucht in der Zeit vom 1. April bis zum 31. August von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang still zu legen“, so Gerichtssprecher Klaus Buter. Das zugehörige Hauptsacheverfahren (Klageverfahren) vor dem Verwaltungsgericht ist im übrigen zwar eröffnet, aber noch nicht terminiert.

Das Tier aus der Familie der Habichtartigen ist Experten zufolge beim Thema Nahrungsaufnahme listig wie ein Fuchs. Sie überrumpelt ihre dicht am Boden angesiedelte Beute im niedrigen Suchflug. Auch angesichts des charakteristischen Tiefflugs schließt der Betreiber der Windkraftanlage eine Gefährdung des seltenen Greifvogels aus. Dem widersprechen die Nabu-Vertreter. Vogelkundler haben beobachtet, dass die männliche Rohrweihe in der Balzzeit ihre Angebetete gerne mit akrobatischen Flügen in großer Höhe imponiert. Und wenn die Jungen das Licht der Tier-Welt erblickt haben, übergebe das Männchen in luftiger Höhe dem Weibchen die gesammelte Nahrung. „Zudem wiesen die Naturschützer darauf hin, dass die Jungen bei ihren ersten Flugversuchen Gefahr liefen, in die Rotorblätter zu geraten“, so Gerichtssprecher Buter.

Eigentlich möchte man der Brut zurufen: „Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund.“ Aber das ist aus Sicht einer der Streitparteien gar nicht nötig - weil die glücklichen Eltern und der Nachwuchs überhaupt nicht in die unmittelbare Nähe der Windkraftanlage fliegen würden.

„Dort noch kein Exemplar gesehen“

Der Betreiber argumentiert, so Buter, dass sich die nächste Niststelle gut 500 Meter von dem Windrad entfernt befindet.„Er sagte, dass er an der Stelle noch nie einen solchen Greifvogel gesehen habe.“

Während des behördlichen Genehmigungsverfahrens hatten nach Angaben der CDU Erwitte Gutachter das „gründlich geprüfte und genehmigte“ Windrad als unbedenklich in Sachen Immissionen und Vogelschutz eingestuft.

Europäisches Schutzgebiet

Für den Bundestagsabgeordneten Bernhard Schulte-Drüggelte schießt der Nabu mit seinem Vorgehen den Vogel ab. So sagte er vor Monaten: „Es ist verrückt, dass sich im Umkreis alle Windräder drehen dürfen, nur dieses nicht. Überall in Europa klappt Windenergie in Vogelschutzgebieten, bis auf die Hellwegbörde.“

Naturschützern zufolge wurde die Hellwegbörde mit ihrer Fläche von 48 000 Hektar 2005 als europäisches Vogelschutzgebiet ausgewiesen - wegen der internationalen Bedeutung der Brutbestände der Wiesen- und Rohrweihe sowie des Wachtelkönigs. Im Sommer 2013 eröffnete die Europäische Kommission in Brüssel ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland, weil es zu wenig für den Vogelschutz in der Hellwegbörde unternehme. Unter anderem wurden Windräder erwähnt, die den Vögeln das Leben schwer machten.

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