Unter Spardruck - Die Positionen im Theater-Streit in Hagen

Voller Ideen: Bei einem Konzert 2011 wurden die aneinandergeklebten Notenblätter der Partitur durch das Publikum gereicht.
Voller Ideen: Bei einem Konzert 2011 wurden die aneinandergeklebten Notenblätter der Partitur durch das Publikum gereicht.
Foto: WP Michael Kleinrensing
  • Das Theater Hagen soll weitere 1,5 Millionen Euro sparen
  • Sparvorgaben lassen sich nur über Entlassungen erfüllen
  • Die Fronten in der Diskussion sind festgefahren

Hagen.. Die Intendantensuche ist gescheitert. Alle Kandidaten haben nach einem Blick in die Bücher wieder abgewunken; die Angst vor einer Insolvenz hängt im Raum. Das Theater Hagen geht angesichts der zusätzlichen Sparvorgaben der Politik von 1,5 Millionen Euro ab 2018 in die Knie. Für Donnerstag, 14 Uhr, rufen Mitarbeiter zum Theater-Marsch auf. Kosten sparen kann man nur noch beim Personal. Also richten sich die Blicke begehrlich auf die 60 Orchesterstellen. Hagens Oberbürgermeister Erik O. Schulz spricht bereits davon, Musiker in die Stadtverwaltung zurückzuführen. Die Situation ist festgefahren. Wir stellen die Positionen vor.

Der Oberbürgermeister: Erik O. Schulz

Das Finanzziel von 1,5 Millionen Euro ist für uns nicht disponibel. Wir sagen in Richtung Theater: Ihr müsst strukturell sparen. Wir sind seit einigen Wochen auf einem ganz guten Weg, uns zumindest klein, klein in der Zahlenfrage zu verständigen, damit nicht alle mit unterschiedlichen Zahlen operieren. Es gibt keine Fraktion im Stadtrat, die ernsthaft die Schließung dieses Hauses in Erwägung zieht. Und deshalb sollte man auch nicht mit diesen Angstszenarien spielen. Es gibt von der Stadt ein klares Signal: Wir wollen zu einer Lösung kommen. Für den Fall einer Verkleinerung des Orchesters müssen wir natürlich die Tarifverträge und die Überleitungsregelungen einhalten.

Der Intendant: Norbert Hilchenbach

Wir haben nie gesagt, dass man nicht mit weniger Geld Theater machen kann. Die Frage ist nur, wie kommt man dahin, wenn man rechts- und tarifverbindliche Verpflichtungen hat? Wir werden bis Anfang 2017 insgesamt 3 Millionen Euro gespart haben. Was die Sache für uns so schwierig macht, ist, dass die Voraussetzungen für ein weiteres Sparen nicht klar sind. Wir sollen weitere 1,5 Millionen Euro sparen; im April hieß es aber, wir deckeln den Etat auf 13,5 Millionen, das bedeutet 1,8 Millionen Einsparsumme. Dazu kommen die Tarifsteigerungen, von denen das Theater ein Prozent übernehmen soll. Das macht in der Summe dann zwei Millionen. Aber wir können nicht noch einmal zwei Millionen sparen, ohne Personal zu reduzieren. Das bedeutet weniger Angebote und damit weniger Einnahmen. Das ist ein Teufelskreis. Ein vergleichbares Theater wie Osnabrück kommt nicht mit weniger Geld aus. Der Unterschied besteht darin, dass das Land Niedersachsen mehr Förderung zahlt im Gegensatz zum Land NRW. Niedersachsen gibt 33 Prozent des Gesamtzuschussbedarfes an das Theater Osnabrück, NRW nur 5 Prozent an das Theater Hagen.

Der Betriebsrat: Alexander Schwalb, Klarinettist

Was mich als Betriebsratsvorsitzenden am meisten ärgert, ist der Versuch der Politik, die Leute für dumm zu verkaufen. Betriebsbedingte Kündigungen sind so lange ausgeschlossen, wie der geltende Ratsbeschluss für die Stadt Bestand hat. Eine Rückführung ist laut Überleitungsvertrag nur möglich bei Insolvenz oder Auflösung der Gesellschaft. Alles andere zeugt entweder von Nichtwissen oder Ignorieren von rechtlichen Voraussetzungen. Dass diese Situation für die Beschäftigten unerträglich ist, muss ich nicht weiter erklären.

Der Mitarbeiter: Heiko Schäfer, Schlagzeuger

Schade, oder auch ein Skandal ist, dass es keine Debatte über den Wert von Kultur, sondern nur eine Kampagne gegen das Theater gibt. Jeder äußert sich zu Dingen, von denen er keine Ahnung hat, jeder Sachverstand wird ignoriert. Uns wurde mit Gründung der gGmbH versprochen, „endlich in ruhiges Fahrwasser“ zu kommen, da fühlen wir uns natürlich jetzt verraten und auch verloren.

Der Generalmusikdirektor: Prof. Florian Ludwig

Es ist wichtig, dass man sich darüber klar wird, wie sich diese Kürzungen bei der gesamten Kultur in Hagen, Theater, Museen, Musikschule, gesellschaftlich auswirken. Darüber ist bisher viel zu wenig gesprochen worden. Es geht um die Zukunft der Kultur in dieser Stadt und damit um die Zukunft der Stadt selbst. Deshalb ist jetzt das Wichtigste, dass Theater und Stadt im Gespräch bleiben und dass eine neue künstlerische Leitung gefunden wird. Außerdem muss den Fachleuten auch geglaubt werden.

Der Theaterförderverein: Dr. Peter Born

Politik und Theater müssen sich zusammensetzen und versuchen, einen Weg zu finden, der den Bedenken der jeweiligen Seite Rechnung trägt. Es geht um Stabilität, darum, einen nachhaltigen Haushalt für das Theater aufzustellen. Die Finanzierung der Kultur über Zuschüsse der Kommunen ist in NRW nicht optimal. Ein weiterer finanzieller Beitrag zum Beispiel des Landes könnte helfen, den Umbauprozess moderater zu gestalten.

Die Wirtschaft: Hans-Peter Rapp-Frick

Sparen alleine ist noch kein Konzept. Was außer Sparen das Konzept sein soll, ist bisher nicht benannt. Daher besteht die Gefahr, dass Strukturen zerstört werden. Deshalb ist die aktuelle Diskussion so problematisch. Wenn man das Kreativpotenzial Hagens beschränkt, macht sich die Stadt zum Anhängsel der Ruhrgebietstheater.

 
 

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