Trend zur Selbstoptimierung: Schön, klug und niemals traurig

Schönheitswahn? Auch Männer lassen sich operieren, um Idealen zu genügen. Ihr Problem ist aber oft nicht körperlicher Natur.
Schönheitswahn? Auch Männer lassen sich operieren, um Idealen zu genügen. Ihr Problem ist aber oft nicht körperlicher Natur.
Foto: Getty Images
Beim Versuch, das Optimale aus dem eigenen Körper und Gehirn herauszuholen, geraten viele Menschen in die Krise. Eine Tagung an der LWL-Klinik in Warstein.

Warstein.. Was soll eigentlich schlecht daran sein, besser sein zu wollen? „Evolutionsgeschichtlich sind wir so weit gekommen, weil wir den Drang haben, uns optimal anzupassen“, sagt auch Dr. Rüdiger Holzbach. Und das geht eben munter weiter. Oder weniger munter. So weit jedenfalls, dass sich der Chefarzt der Abteilung Suchtmedizin der LWL-Kliniken Lippstadt und Warstein damit befasst. Unter dem Titel „Der (selbst-) optimierte Mensch 3.0 - Die Jagd nach dem Ideal“ beim 27. Warsteiner Psychotherapie-Symposion.

Die Trends

30 Prozent der Deutschen nutzen Fitness-Armbänder oder -Apps, Studenten werfen vor der Klausur Mittelchen ein, um die Konzentration zu verbessern, junge Mädchen hungern sich schlank, störende Schüler bekommen Ritalin, gegen Stirnfalten hilft eine Spritze, größere optische Verbesserungen erledigt der Chirurg und bald lassen wir uns wahrscheinlich Chips einpflanzen, um noch leistungsfähiger zu werden. Das ist der Trend der Zeit, aber wieso ein Fall für Psychiater? „Wir beobachten gesellschaftliche Veränderungen und skizzieren ihre Auswirkungen , um therapeutische Angebote zu entwickeln“, erklärt Holzbach. Verhalten müsse im Kontext betrachtet werden: „Wenn Sie sich vor 20 Jahren die Brusthaare entfernt oder vor zehn Jahren täglich Schritte gezählt und Statistik geführt hätten, wären sie als Spinner bezeichnet worden. Heute gilt das als normal.“

Die Sucht

Und nun sind die Kliniken voller Sportsüchtiger und anderer Selbstoptimierer? Nein, sagt Holzbach: „Bei Alkoholikern sehen wir, dass es manchmal Jahrzehnte dauert, bis Hilfe geholt wird.“ Aber die Mechanismen seien gleich: Man braucht immer mehr, um Befriedigung daraus zu ziehen, das soziale Umfeld, Schule oder Beruf werden vernachlässigt. Bislang habe man es klinisch vor allem mit „Stoffen“ zu tun: Anabolika, Amphetamine, Schlafmittel, Kokain. Aber: „Langfristig kommt alles in der therapeutischen Praxis an“, sagt Monika Stich, Leiterin des Fort- und Weiterbildungszentrums der LWL-Kliniken im Kreis Soest.

Die Gesundheit

Früher wollte man gesund sein, um seine Arbeit zu bewältigen, für die Familie da zu sein oder das Leben zu genießen. „Heute ist Gesundheit Selbstzweck, ein Lebensstil“, meint Stich. Beim Sport trete die Freude an der Bewegung in der Hintergrund, beim Essen der Genuss und der Geschmack. Stattdessen gehe es um Planerfüllung. Das sei problematisch: „Viele Menschen verlieren die Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung und ihre Intuition: Ob sie gut geschlafen haben, wissen sie erst, wenn sie auf ihre App geschaut haben.“ Zudem seien die gemessenen Daten sehr unzuverlässig: „Bei Bewegung liegt die Fehlerquote bei 40 Prozent, bei Ernährung bei 30 Prozent.“

Hirn-Doping

Neuro-Enhancement nennt man die Einnahme von psychoaktiven Substanzen mit dem Ziel geistiger Leistungssteigerung. Soll man das erlauben? Ist es nicht unnatürlich? Wenn Meditation ähnliche Effekte hat, warum ist die besser? Weil es keine Nebenwirkungen gibt? ­Warum sollen Stimmungsaufheller gut sein, wenn es einem richtig schlecht geht und schlecht, wenn es einem nur nicht gut genug geht? „Das waren sehr kontroverse ­Diskussionen“, sagt Monika Stich. Rüdiger Holzbach spitzt es zu: „Wenn ein Medikament die ­Reaktionszeiten verbessert, müsste man Piloten nicht sogar die ­Einnahme vorschreiben?“ Und wenn man es jedem einzelnen überlässt? „Dann muss man schauen, welcher soziale Druck sich entwickelt“, meint Stich: „Dann fordern die Kollegen vielleicht bessere Laune ein und der Chef mehr Leistung.“

Die Unsicherheit

Hinter all den Versuchen, einem Ideal zu entsprechen erkennt Holzbach eine gemeinsame Ursache: „Das ist eine ganz tiefe Selbst-Unsicherheit. Es gibt keine Instanz mehr wie früher die Kirche, die uns sagt, wie wir zu sein haben. Besonders für junge Menschen ist es heute sehr schwer, die eigene Person zu entwickeln, sich zu fragen: Wer bin ich eigentlich?“ Deshalb orientierten sich viele an Stars, suchten Sicherheit in Fangruppen, versuchten, sich hinter einer perfekten Oberfläche unangreifbar zu machen. Für Therapeuten stelle sich deshalb die Frage: „Wie kann ich jemanden so stützen, dass er erkennt, dass er auch mit allen seinen Ecken und Kanten in Ordnung ist?“ Monika Stich formuliert es so: „Reicht gut genug oder muss es unbedingt das Maximum sein?“

Das Extrem

Das britische TV-Starlet Alicia Douvall hat mehr als 100 kosmetische Operationen an sich vornehmen lassen. Inzwischen weigern sich plastische Chirurgen, sie weiter zu behandeln: Ganz offensichtlich sei sie süchtig. 60 oder 70 OPs waren demnach noch okay?

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