Strenge Grundsätze machen einsam

Foto: Holger Schmälzger

Hagen. Die Kirchen als Arbeitgeber stehen vor turbulenten Zeiten: Gestern diskutierten Sachverständige im Bundestag die Zukunft des kirchlichen Arbeitsrechts, Bundesarbeits- und Bundesverfassungsgericht werden sich bald mit dem Streikrecht befassen. Immer öfter werden katholische Grundschulen zu Gemeinschaftsschulen umgewidmet, weil sich kein Leiter findet. Und dann gibt es den spektakulären Kindergartenfall aus Königswinter.

Dort war der Leiterin eines katholischen Kindergartens gekündigt worden. Die 47-Jährige hatte ihren Ehemann verlassen und war zu ihrem Lebenspartner gezogen - klarer Verstoß gegen die Prinzipien der der Kirche. Aber die Eltern wollten die Kita-Leiterin nicht ziehen lassen. Sie hat einen Chor aufgebaut, gibt Musikunterricht, prägt das Gemeindeleben. Die Eltern suchten das Gespräch mit der Kirche. Vergebens. Im Januar kam die Kündigung zum 30. Juni.

Normalerweise ist damit der Konflikt beendet, auch wenn Arbeitsgerichte bei Kündigungsschutzklagen nicht mehr immer im Sinne des kirchlichen Arbeitgebers entscheiden. Aber in diesem Fall folgte auf die erste Trennung eine zweite: Die Gemeinde kündigte auf Antrag der Eltern der Kirche die Trägerschaft. Fristgemäß zum 1. August 2013. Nun verhandelt man darüber, ob die Kirche schon vorzeitig aus dem Vertrag geht. Dann könnte die Erzieherin unter einem neuen Träger bleiben.

Der Fall ist einzigartig in Deutschland. Könnte er Schule machen, wenn die katholischen Grundsätze und die Vorstellungen der Mehrheitsgesellschaft, in der jede dritte Ehe geschieden wird, weiter auseinanderdriften? Ägidius Engel, Sprecher des Erzbistums Paderborn, betont: „Wir können Grundprinzipien unseres Glaubens nicht aufgeben, sondern müssen auch gegen heftiger werden Stürme versuchen, unsere Position zu halten.“ Das werde nicht einfach, weil der Mainstream ein anderer sei. Die Konsequenz: „Es mag sein, dass die Kirche sich aus bestimmten Bereichen zurückziehen muss.“

So weit ist es noch nicht. Auch nicht bei den Schulen. Selbst wenn sich die Kirche manchmal schon zurückzieht. Zum Beispiel in Lennestadt. Dort fand sich für die katholische Marienschule in Saalhausen über mehrere Jahre kein Schulleiter. Der einzige Bewerber kam als evangelischer Christ nicht zum Zuge. Und dies lag nicht am Einspruch der Kirche, sondern am nordrhein-westfälischen Schulgesetz, das bei Bekenntnisschulen - das sind ein Drittel der Grundschulen in NRW - die Lehrer dem jeweiligen Bekenntnis angehören müssen. Bei normalen Kollegiumsmitgliedern und stellvertretenden Leitern werden zwar Ausnahmen toleriert, nicht aber bei Schulleitern. In diesem Fall legte deshalb die Bezirksregierung ihr Veto ein, bat Lehrer, Eltern und Bistum zum Runden Tisch. Resultat war die Umwandlung in eine Gemeinschaftsgrundschule, der, wie vorgeschrieben, im vergangenen Herbst mehr als zwei Drittel der Eltern zustimmten.

Ein entsprechendes Verfahren läuft derzeit in Köln, in Gütersloh kam eine Zwei-Drittel-Mehrheit nicht zustande, in Oelde findet eine evangelische Bekenntnisschule keinen Leiter. Das liegt vor allem daran, dass die Leitung einer Grundschule nur mit 300 Euro brutto zusätzlich honoriert und somit nicht sonderlich attraktiv ist. 52 der 700 Grundschulen im Regierungsbezirk Arnsberg sind deshalb führungslos. Aber die zusätzlichen Anforderungen der Bekenntnisschulen - 1100 katholische und 100 evangelische in NRW - verschärfen das Problem.

Erzbistums-Sprecher Engel fürchtet deshalb: „Wir werden nicht jede Bekenntnisschule halten können.“ Das sei bedauerlich, weil sie von den Eltern gewünscht würden. Aber irgendwann habe die Kirche gegen die Umwidmung zur Gemeinschaftsschule keine Argumente mehr: „Es geht ja um die Kinder und darum, wie es vor Ort weitergeht.“

 
 

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