Spannung ergibt sich aus Emotionen

Der Schriftsteller Kai Meyer
Der Schriftsteller Kai Meyer
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Hagen..  (-mwi-) Kai Meyer ist einer der besten deutschsprachigen Erzähler. Jugendliche und Erwachsene lieben seine Bücher gleichermaßen. Soeben ist der dritte Band seiner Arkadien-Trilogie erschienen, „Arkadien fällt“. Im März wird es einen dritten Roman um die Alchimistin Aura Institoris geben. Im Interview mit unserer Zeitung verrät Kai Meyer, wie Spannung in der fantastischen Literatur funktioniert.

Frage: In „Arkadien fällt“ (Carlsen, 19,90 Euro) fährt ein geheimnisvolles Schiff über die Weltmeere, eine traurige Arche, die von heimatlosen Kreaturen bewohnt wird, welche als Kreuzungen zwischen Mensch und Tier gezüchtet wurden. War diese ethische Komponente beabsichtigt?

Kai Meyer: Gerade in der fantastischen Literatur gibt es häufig Geschichten, in denen der Held irgendwelche hässlichen Ungeheuer tötet, und die Rechtfertigung dafür ist, dass sie eben hässliche Ungeheuer sind. Genau das will ich nicht. Mir geht es darum zu sagen: Monster sind erstens nicht zwangsläufig hässlich, nur weil sie anders aussehen, denn es gibt ja auch schöne Hybriden in meinem Roman. Auf der anderen Seite haben die abstoßenden Kreaturen, die es auf diesem Schiff gibt, allein aufgrund ihres Äußeren kein hässliches Wesen. Ich wollte weg von dieser Rechtfertigung der klassischen Fantasy-Heldentaten, die eben lautet: Das Viech ist unschön, deshalb dürfen wir es totschlagen.

Frage: Ihre Heldin Rosa und deren Freund Alessandro gehören zur Dynastie der Arkadier. Das heißt, sie sind Gestaltwandler. Beide werden von ihren Familien verfolgt, weil sie sich lieben und weil sie ihre Gabe nicht nutzen wollen, um andere Menschen zu unterwerfen. So entsteht eine atemberaubende Verfolgungsjagd. Wie funktioniert so etwas?

Kai Meyer: Ich versuche immer, die Konflikte in die Gesamthandlung einzubinden. In klassischen Abenteuergeschichten ist es ja leider oft so, dass die Figuren von einem episodischen Konflikt in den anderen stolpern. In „Arkadien fällt“ sind die Notlagen dagegen miteinander verwoben und mit jedem Konflikt, in den Rosa und Alessandro geraten, erfährt man ein wenig mehr über die Gesamtzusammenhänge und auch über die Figuren selbst. Das erzeugt – hoffentlich – eine Spannung, die über eine kurzfristige Problemlösung hinausgeht.

Frage: Die Geschichte



verblüfft ständig mit neuen Wendungen. Wie kommt man auf das Unerwartete?


Kai Meyer:
Spannung sollte sich immer aus den Emotionen der Charaktere heraus ergeben. Und das gilt auch für überraschende Wendungen, sie müssen in irgendeiner Form emotional aufgeladen sein. Es reicht nicht, dass der Leser vermutet, A ist der Täter, und dann ist es B. Vielmehr sollte die Enthüllung, dass B der Schurke ist, die Helden – und damit auch die Leser – zutiefst bewegen.

Frage: Rosa kann sich in eine Schlange verwandeln.



Die Alchimistin Aura Institoris ist unsterblich. Beide gehören zu den stärksten Frauenfiguren in der fantastischen Literatur. Wird es demnächst wieder ein Aura-Buch geben?

Kai Meyer: Ja, der neue Roman „Die Gebannte“ erscheint im März. Ich habe die beiden ersten Bände „Die Alchimistin“ und „Die Unsterbliche“ komplett überarbeitet, sie sind gerade neu veröffentlicht worden. In jedem der Bücher habe ich einige tausend Änderungen vorgenommen, nicht inhaltlich, nur sprachlich. Es sind fünfzehn bzw. zehn Jahre vergangen, seit ich diese Bücher geschrieben habe; da war es mir wichtig, sie stilistisch auf einen Stand mit dem neuen Roman zu bringen. Die Bücher sind dadurch tatsächlich ein bisschen kürzer geworden. Außerdem gibt es zu beiden Romanen ausführliches Bonusmaterial über die jeweilige Entstehungsgeschichte. Mit dem Gesamtpaket dieser Bücher bin ich sehr glücklich.

Frage: Warum schreiben etablierte Erwachsenenbuch-Autoren neuerdings verstärkt Jugendbücher?

Kai Meyer: Als ich begonnen habe, Jugendbücher zu schreiben, hatte ich schon siebzehn oder achtzehn Erwachsenenbücher veröffentlicht. Das war Jahre, bevor dieser Boom losging. Mit der „Sieben Siegel“-Serie habe ich damals angefangen, weil ich Spaß




daran hatte, etwas zu schreiben, das ich als Kind selbst gerne gelesen hätte. Mehr steckte gar nicht dahinter. Ich dachte, es wäre doch schön, wenn sich irgendwann Erwachsene daran erinnern, dass sie als Kind diese Bücher gelesen und gemocht haben. Die „Sieben Siegel“-Bände waren keine Riesenbestseller, aber sie liefen sehr solide. Daraufhin hat mich der Verlag gefragt, ob ich nicht Lust hätte, ein größeres Fantasy-Projekt in Angriff zu nehmen. Das war gerade zu der Zeit, als „Harry Potter“ boomte, und ich habe geantwortet, ich möchte nichts machen, was auch nur entfernt nach Potter riecht. Entstanden ist schließlich „Die Fließende Königin“ und wurde ein Erfolg, mit dem keiner gerechnet hat; letztlich resultierte daraus meine zweite Laufbahn als Jugendbuchautor. Warum andere mittlerweile Ähnliches versuchen? Viele Autoren von klassischer Erwachsenenliteratur – Thriller, Romanzen usw. – haben erkannt, wie lukrativ der Kinder- und Jugendbuchmarkt sein kann. Und der Autor, der behauptet, es liege ihm nichts an möglichst hohen Leserzahlen, lügt schlichtweg.

Frage: Stichwort Harry Potter: Die Bände werden ja auch von Erwachsenen verschlungen. Ist die Differenzierung zwischen Jugend- und Erwachsenenbuch überhaupt noch gerechtfertigt?

Kai Meyer: Was das Inhaltliche angeht, ist die Trennung obsolet. Meine „Arkadien“-Reihe ist ein gutes Beispiel. Die Bücher erzählen eine Entwicklungsgeschichte, und Entwicklungsgeschichten beginnen nun mal meist an einem Punkt, an dem die Figuren noch jung sind. Kein Problem also, damit jugendliche Leser zu erreichen. Aber gerade diese Bücher finde ich selbst erwachsener als vieles, was ich explizit für Erwachsene geschrieben habe.

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