Sorgerechts-Gutachten laut Studie oft mangelhaft

Jedes Jahr sind in Deutschland rund 150.000 minderjährige Kinder von der Scheidung ihrer Eltern betroffen.
Jedes Jahr sind in Deutschland rund 150.000 minderjährige Kinder von der Scheidung ihrer Eltern betroffen.
Foto: imago
Viele rechtspsychologische Gutachten, die Familiengerichten in Sorgerechts-Fällen als Grundlage dienen, sind mangelhaft: Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung der Fernuniversität Hagen. Die Autoren sprechen von einem „alarmierenden Befund“. Die Uni prüfte vier Amtsgerichte im OLG-Bezirk Hamm.

Hagen.. Erhebliche handwerkliche Fehler bei der Erstellung rechtspsychologischer Gutachten für Familiengerichte haben die Hagener Psychologie-Professoren Christel Salewski und Stefan Stürmer bei der Analyse von 116 solcher Gutachten festgestellt.

Nur eine Minderheit erfülle die fachlich geforderten Qualitätsstandards, so Salewski. Sie nannte den Befund „alarmierend“, da Familienrichter ihre Entscheidungen über Sorge-, Aufenthalts- und Umgangsrecht von Kindern in starkem Maße auf die Empfehlungen der Sachverständigen stützten.

Das NRW-Justizministerium nimmt die Studie „sehr ernst“, schätzt die Aussagekraft aber als begrenzt an. „Es bedarf einer breiter angelegten Untersuchung, um den gesetzgeberischen Handlungsbedarf einschätzen zu können“, so Ministeriumssprecher Detlef Feige. Die Studie gebe auch keinen Aufschluss darüber, ob die methodischen Mängel der Sachverständigen sich kausal auf die gerichtliche Entscheidung ausgewirkt hätten.

Vier Amtsgerichte sind untersucht worden

Die Wissenschaftler der Fernuniversität haben sämtliche familienrechtspsychologischen Gutachten der Jahre 2010 und 2011 von vier Amtsgerichten aus dem Bezirk des OLG Hamm untersucht. „Zur Beurteilung der Frage, ob die Stichprobe repräsentativ ist, wären noch weitere Untersuchungen nötig, aber wir halten es für unwahrscheinlich, dass wir uns besonders schlechte Amtsgerichte vorgenommen haben“, sagt Stürmer. Auch sei das Thema nicht gänzlich neu. Bisher seien Gutachtermängel in den Medien aber nur auf Basis von Einzelfällen diskutiert worden.

Die wichtigsten Verstöße gegen die Richtlinien für die Erstellung von Gutachten: In 56 Prozent der Fälle wurde aus der gerichtlichen Fragestellung keine psychologische Fragestellung als Arbeitshypothese hergeleitet. In 85,5 Prozent der Fälle wurden die eingesetzten diagnostischen Verfahren nicht anhand der Fragestellung begründet. In 35 Prozent der Fälle wurden ausschließlich methodisch problematische Verfahren angewandt.

 
 

EURE FAVORITEN