"Schreiben nach Gehör" - Mutter schreibt sich Wut von Seele

Lernen Kinder heute noch richtig schreiben? Darüber debattieren Tausende Eltern derzeit auf Facebook.
Lernen Kinder heute noch richtig schreiben? Darüber debattieren Tausende Eltern derzeit auf Facebook.
Foto: IMAGO
Iserlohnerin kritisiert Lehrmethoden an Grundschulen auf Facebook – und bekommt von Tausenden Eltern Zuspruch. Experten streiten über richtigen Weg.

Hagen.. Tränen hatte die Mutter in den Augen, als sie die ersten kleinen Briefchen von ihrem Sohn bekam. Tränen der Rührung, natürlich. „Aber auch ein bisschen, weil sich die Fußnägel nach oben rollten“, schreibt Isa Becker ganz offen auf ihrer Facebook-Seite. Denn auf den Zettelchen, in der ersten Klasse verfasst, stand geschrieben „ch hap dij lip“.

Tränen der Wut – danach scheint Isa Becker mittlerweile eher zumute zu sein. Denn nun ist ihr Sohn in der dritten Klasse, darf nicht mehr drauflos schreiben wie er die Laute hört. Doch haben sich längst viele Wörter eingeprägt, „und zwar so, wie sie von Anfang an geschrieben wurden – nämlich falsch“.

Ihrem Ärger darüber hat die Iserlohnerin auf ihrer Facebook-Seite Luft gemacht in einem offenen Brief an die „Erfinder von Schreiben nach Gehör“, also der Methode die offiziell lesen durch Schreiben heißt. Einmal habe sie das Wort „Zahnarzt“ sogar durch die Küche getanzt, von der Tür bis zum Herd“, um dem deutlich zu machen, dass das „a“ ganz furchtbar lang gesprochen wird. Der Sohn „freute sich ganz offensichtlich, dass die Mutter den Verstand verloren hatte und schrieb ,Zaanartz’. Verbessern – das durfte Isa Becker nicht, um dem Kind nicht die Freude am Schreiben zu nehmen.

Umso mehr Freude macht sie dagegen vielen Eltern mit ihrem Beitrag. 2500 Nutzer haben innerhalb eines Tages „Gefällt mir“ angeklickt (Stand 16. September). Mehr als 4000 teilen den Beitrag. Der Frust scheint groß über die Lehrmethoden an Grundschulen, die der Siegener Germanist Professor Wolfgang Steinig bereits vor zwei Jahren heftig kritisiert hat. Über vierzig Jahre hinweg hat Steinig die Rechtschreibkompetenz der Kinder verglichen. Und festgestellt, dass die Schüler heute kreativer und mutiger schreiben, dabei aber mehr Fehler machen als früher, als nach der Fibel-Methode gelehrt und den Kindern Wörter systematisch korrekt beigebracht wurden.

Regeln einzuhalten, das lernt Isa Beckers Sohn erst seit der dritten Klasse. Umso größer sei nun der Frust über die vielen Korrekturen. „Der radikale Wechsel vom unbekümmerten Schreiben nach Gehör zur orthografischen Norm wird von vielen Kindern als Willkür empfunden“, hat Steinig in einem Beitrag für den „Spiegel“ bemängelt. „Frustration und manchmal sogar regelrechter Hass auf die Rechtschreibung sind die Folgen“.

Für „nicht repräsentativ“ hält dagegen Hans Brügelmann, bis 2012 ebenfalls Professor an der Universität Siegen, die Studie seines Kollegen Steinig. Die Zahl der Schulen und Schüler, die Steinig getestet hat, sei zu niedrig. Es gebe ebenso Studien mit dem Ergebnis, dass Kinder heute besser schreiben als früher, so Brügelmann.

Brügelmann, Fachreferent der Grundschulverbandes, verteidigt dagegen die Methode „Schreiben nach der Aussprache“, wie er sie nennt. „Viele Lehrer arbeiten damit sehr erfolgreich.“ Dafür brauchten sie allerdings das richtige Gespür, ab wann man die Kinder nach der ersten Phase des Schrifterwerbs auf die richtige Rechtschreibung hinweisen könne. Die einen seien bereits nach wenigen Wochen so weit, die anderen vielleicht erst am Ende des Schuljahres.

Von Anfang an sollten die Kindertexte in Erwachsenenschrift übersetzt werden, so Brügelmann: Das Kind schreibt zuerst; Eltern oder Lehrer setzen dann die korrekten Wörter darunter. So würde die Arbeit der Erstklässler respektiert – und dennoch gebe man ihnen eine Orientierung. „Wertschätzen, was das Kind schreibt“, empfiehlt Christiane Mika vom Grundschulverband NRW. Und doch weist die Dortmunderin ihre Erstklässler von Anfang an auf die richtige Rechtschreibung hin.

Ohnehin setzten die meisten Schulen auf einen Methodenmix, so Mika. Daran will die Landeselternschaft Grundschulen auch nichts ändern. „Welche Methode für welches Kind zu welchem Zeitpunkt die richtige Förderung darstellt, kann am ehesten die einzelne Lehrkraft entscheiden“, so Brigitte Völxen von der Landeselternschaft. Jede Methode habe ihre Vor- und Nachteile.

 

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