Schnelles Internet kommt Kultur sehr teuer zu stehen

Das schnelle Mobilfunkstandard LTE hat für Kultureinrichtungen und Vereine nicht nur Vorteile.
Das schnelle Mobilfunkstandard LTE hat für Kultureinrichtungen und Vereine nicht nur Vorteile.
Foto: WAZ FotoPool
Bühnen und Vereine müssen neue Mikrofon-Anlagen kaufen, weil die bisherigen Frequenzen an den Mobilfunk versteigert wurden. Die Entschädigungen greifen nicht, stattdessen muss der Steuerzahler doppelt zahlen: als Handybesitzer für die Netzgebühren und als Vereinsmitglied für die Umrüstungskosten.

Hagen. Das schnelle Internet LTE wird für Kultureinrichtungen und Vereine teuer. Denn Theater, Kirchen oder Schützenbruderschaften müssen neue Drahtlosmikrofonanlagen anschaffen, weil die Bundesnetzagentur die bisherigen „Kulturfrequenzen“ an die Mobilfunkbetreiber verkauft hat. Die Entschädigungen sind unzureichend; der Steuerzahler darf stattdessen doppelt in die Tasche greifen: als Handybesitzer für die Netzgebühren und als öffentliche Hand bzw. Vereinsmitglied für die Umrüstungskosten.

Mit einer einmaligen Investition ist es nicht einmal getan. Ab 2015 stehen auch die zugewiesenen Ausweichfrequenzen zum Verkauf. Dann droht eine neue Investitionsrunde zu Lasten von Ehrenamt und kommunalen Haushalten.

Kosten von rund 1,2 Milliarden Euro

Bisher haben Bühnen, Kirchen, Gemeindezentren, Sportvereine, Schulen, Freilichtbühnen und Veranstalter von Festen die Frequenzen im Bereich von 790 bis 862 Megahertz genutzt. Diese wurden von der Bundesnetzagentur versteigert, um das schnelle Internet möglich zu machen. Mobilfunk und Drahtlosmikros sind unverträglich, deshalb mussten die Betroffenen neue Geräte erwerben. Bundesweit geht es um 630.000 bis 650.000 Anlagen, die Umrüstungskosten betragen rund 1,2 Milliarden Euro, rechnet der Verband Association of Professional Wireless Production Technology.

Das Problem: Die Entschädigungen im Rahmen der sogenannten Billigkeitsrichtlinie gelten nur für Drahtlosmikrofone, die zwischen 2006 und 2009 angeschafft wurden. Theater und Vereine benutzen ihre Mikros aus Gründen der Sparsamkeit aber viel länger.

Heribert Knecht von der Freilichtbühne Hallenberg ist als Vorsitzender des Verbandes Deutscher Freilichtbühnen Region Nord für eine bessere Entschädigungsregelung aktiv. „Alle Amateurfreilichtbühnen in Deutschland haben 780.000 Euro Investitionsbedarf“, hat er ermittelt. In der Region Nord fallen bei 39 Bühnen 343.000 Euro an. „Allein Hallenberg musste die Geräte für 15.000 Euro nach­rüsten“, listet Knecht auf.

Viele Freilichtbühnen haben keinen Anspruch auf Entschädigung

23 Freilichtbühnen haben ihre Anlagen vor 2006 gekauft und damit überhaupt keinen Anspruch auf Entschädigung. 13 Amateurtheater haben einen Teil der Mikroports zwischen 2006 und 2009 erworben, fünf davon stellten einen Antrag, vier haben insgesamt 11.000 Euro Erstattung erhalten.

Die Profi-Theater stehen vor noch größeren Belastungen. „Im Theater Hagen erfolgte die Umstellung Ende 2011, die Kosten beliefen sich auf rund 110.000 Euro“, teilt Verwaltungsdirektor Michael Fuchs mit. Ein Ausgleich ist nicht in Sicht, da die alten Geräte vor 2006 angeschafft wurden. Die Stadt Hagen, die derzeit jeden Cent nach Einsparpotenzial umdreht, muss die Investition schlucken, während der Mobilfunk verdient.

Robert Schäfer, technischer Leiter des Apollo-Theaters Siegen, konnte zwar die Siegener Anlagen für 20.000 Euro austauschen, weil das Haus eine Sonder-Vereinbarung mit dem Hersteller hat. Aber mit dem Neuerwerb alleine ist es nicht getan. „Wir haben 20 Frequenzen. Man zahlt für jede beantragte Frequenz und dann noch einmal eine jährliche Gebühr pro Frequenz“, erläutert Schäfer.

Für Gastspielorte müssen Frequenzen beantragt werden

Bei einer Dschungelbuch-Vorstellung sind 25 Funkstrecken im Einsatz. Wenn das Apollo mit der Produktion auf Tournee geht, müssen kurzfristig für die Gastspielorte Frequenzen beantragt werden, was natürlich ebenfalls zu Buche schlägt. Schäfer: „Früher konnte man gewisse Bereiche ortsunabhängig nutzen, der feste Bereich, in dem wir heute drin sind, ist aber nur noch ortsgebunden nutzbar.“

Es ist ein kompliziertes Thema, und die Betroffenen haben trotz aller Proteste kein Gehör gefunden. Eine Gruppe von 13 Bundestagsabgeordneten will jetzt noch einmal beim Finanz- und Wirtschaftsministerium Druck machen, um zumindest in der Entschädigungsfrage eine Lösung zu finden. Zu ihnen gehört der HSK-Abgeordnete Prof. Patrick Sensburg (CDU): „Die Sachlage ist unbefriedigend, weil wir bisher nichts bewirkt haben, obwohl wir sehr aktiv waren. Wir werden weiter nachhaken, damit wenigstens die Bewilligungskriterien angepasst werden.“

Eine Endlosbaustelle droht

Damit nicht genug, sollen ab 2015 die nun als Kulturfrequenzen genutzten Kanäle unterhalb von 790 Megahertz ebenfalls für den Mobilfunk freigegeben werden. Dann müssen die soeben angeschafften teuren Geräte erneut ausgetauscht werden. „Es kann nicht sein, dass die Kulturbetriebe alle fünf Jahre ihre kompletten Mikroportanlagen auswechseln müssen. Da kommen immer mehr Kosten auf den Steuerzahler zu“, kritisiert Robert Schäfer.

Michael Fuchs befürchtet eine Endlosbaustelle: „Problematisch ist die Haltung der Bundesnetzagentur, die nach meiner Kenntnis für die genutzten Frequenzbereiche überhaupt keine Dauergarantien mehr gibt. Für die Theater und natürlich auch die anderen Nutzer ist dies sehr unbefriedigend und stellt ein dauerhaftes wirtschaftliches Risiko dar.“

 
 

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