Schneewittchens Brautstrauß

Paula Doepfner mit ihrer Installation aus Eis und Wasser in  Brilon.
Paula Doepfner mit ihrer Installation aus Eis und Wasser in Brilon.
Foto: Monika Willer

Brilon.. Schneewittchens Brautstrauß wartet in einem Sarg aus Eis auf die Erlösung. Eine faszinierende Skulptur aus gefrorenem Wasser bildet den Mittelpunkt der Ausstellung „More than I can hide“ (Mehr, als ich verstecken kann) der jungen Berliner Künstlerin Paula Doepfner beim Kunstverein Östliches Sauerland im Museum Haus Hövener in Brilon.

Die 31-jährige Paula Doepfner ist Meisterschülerin von Rebecca Horn und Preisträgerin des Kunstpreises Östliches Sauerland 2011. Der noch junge, aber sehr aktive Kunstverein Östliches Sauerland verleiht diese Auszeichnung, mit der unter anderem eine Ausstellung verbunden ist. In vier Installationen beschreibt Paula Doepfner mit Materialien wie Papier, Pflanzen, Glas und Eis ambivalente emotionale Prozesse. So entstehen verzauberte Räume von ungeheurer Schönheit, die mit archetypischen, gleichwohl intimen Gefühlskonstellationen den Besucher unmittelbar und sehr persönlich ansprechen.

Die Arbeiten erzählen von fragilen Utopien und Tragödien mit überraschendem Ausgang. Ein Kreis aus getrockneten Silberdisteln liegt auf dem Boden, gespiegelt von einem schwarzgerahmten Bild mit gepressten bunten Blüten: Konservierte Trauer, die vor Erinnerung geradezu platzt – und doch wütend ist.

Scherben flankieren eine großformatige Zeichnung, die zwischen zwei Glasplatten schwebt. Unzählige winzige Punkte wuchern und wachsen sich auf dem Papier zu Verästelungen aus, die einmal eine schützende Höhle werden könnten oder ein Gefängnis aus Dornen - eine Dornröschenfalle. Die vordere Glasplatte trägt ein Einschussloch; die Scherben sind auf den ersten Blick Relikte einer zerbrochenen Beziehung, Sinnbilder des Streitens, aber im Dunkeln schimmern sie so geheimnisvoll wie die Juwelen der Schneekönigin.

Paula Doepfner erzählt in ihren Installationen von Geheimnissen, die sich nicht verstecken, aber auch nicht unverschlüsselt offenlegen lassen. Ihre Arbeiten beschreiben Schwebe-Zustände, die Emotionen sein können oder Erinnerungen oder Wunschprojektionen. „Alles Schöne hat etwas Trauriges, Vergängliches“, unterstreicht die Künstlerin. „Die Zweiseitigkeit, das Ungreifbare, die Komplexität finde ich oft in Gefühlen, das fasziniert mich.“

Zwischen Utopie und Frustration erwartet der Eisblock, das Herzstück der Ausstellung, seine unvermeidliche Metamorphose. Das schmelzende Eis wirkt regelrecht lebendig, es bildet Risse, es pocht wie ein klopfendes Herz, wenn Tropfen in die Metallwanne sickern. Sonnenstrahlen brechen sich an den Kristallen zu spontanen Lichtexplosionen. Weiteres Aufblitzen verursachen die Scherben auf dem Grund der Skulptur, die zunächst wie abgesplittertes Eis anmuten, aber tatsächlich aus Glas sind, so scharf, dass Aschenputtel sich ihre Schuhe daran zerschneiden müsste. Das Eis wird seine Gefährlichkeit verlieren und weich werden. Den Scherben bleibt eine Verwandlung hingegen versagt.

Gemächlich taut das Eis. Es wird die Tagebuchnotizen freilassen. Und die Disteln. Paula Doepfner arbeitet gerne mit Wasser. „Das Material ist spannend, es befindet sich in einem Wandlungsprozess.“ Wenn die Eisskulptur geschmolzen ist, ist das Kunstwerk nicht weg, es hat nur seinen Aggregatzustand geändert.

Dann wird die Tinte auf den Tagebuchblättern im Wasser verwischen. Der Distelstrauß wird aufweichen, aber vorher erhält er die Freiheit, zu schwimmen. Das Wasser wird sich in der Metallwanne rostrot färben. Nicht so schön wie das glitzernde Eis, aber fähig, neues Leben zu spenden. Und es wird am Ende verdunsten - eingehen in einen ewigen Kreislauf der Transzendenz.

Noch ist die Eisskulptur gut erkennbar. Im Verlauf dieser Woche dürfte sie sich in Wasser auflösen. Dann wird ihr erster Aggregatzustand mit Bildern an die Wand projiziert. Schon jetzt ist klar, dass Paula Doepfner eine ganz große Begabung ist. Ihre Arbeiten vereinen Schönheit mit Sprachmagie und höchst poetischer Reflexion. Brilon kann stolz darauf sein, dieses Talent zu fördern.

Ausstellung: Paula Doepfner: - More than I can hide: Bis 11. März im Museum Haus Hövener in Brilon. Führungen auch für Schulklassen:
0171 / 3406280.

 
 

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