Opferstöcke zur Terrorfinanzierung

Dietmar Seher

Siegen/Köln.  Islamistische Überzeugungstäter, die von Deutschland aus operieren, stricken nicht mehr nur Anschlagspläne in ihrer Küche. Sie besprechen ihr Vorgehen nicht mehr nur in Moscheen oder kopieren Sprengstoff-Anleitungen am Laptop. Sie zocken jetzt auch Banken per Internetbetrug ab, um mit der Beute den Kampf des Islamischen Staates (IS) zu finanzieren. Sie brechen in Kirchen und Schulen ein, um mit gestohlenen Gegenständen gefälschte Pässe zu zahlen. Sie wagen sich auf das Terrain der Alltagskriminalität.

Wird ihnen das zum Verhängnis? Seit Sommer kann die Bundesanwaltschaft reihenweise Haftbefehle vollziehen. Länderbehörden führen schon 420 Ermittlungsverfahren mit 650 Beschuldigten. Gestern dann die seit langem größte Razzia gegen Islamisten in NRW, nachdem die Polizei eine Serie von Einbrüchen untersucht hatte.

Die „Ermittlungsgruppe Reise“ schlug zu, die seit 2013 verdeckt in der Szene der Salafisten fahndet. Staatsanwälte und 240 Polizisten durchkämmten 40 Wohnungen in Köln, Bergisch-Gladbach, Netphen, Siegen und Kreuztal. Neun Verdächtige wurden festgenommen. Gegen 44 Personen, sagt das Landesinnenministerium in Düsseldorf, wird von Köln aus ermittelt. Kistenweise nahmen die Beamten Beweismaterial mit.

Mehrere Gruppen unterstützt

Der Vorwurf, den Generalbundesanwalt und die Staatsanwaltschaft erheben: Nicht nur Diebstahl in Kirchen und Schulen, sondern die „Vorbereitung schwerer staatsgefährdender Straftaten“ - konkret: Die Unterstützung des Dschihad in Syrien und im Irak von deutschem Boden aus, die dort an Gruppen wie „Islamischer Staat im Irak und Großsyrien“ ISIG, Ahrar al-Sham oder auch Junud al- Sham geht.

Die Beschuldigten haben laut Ermittler die Beute direkt in den Nahen Osten weitergeleitet, aber auch genutzt, um in Deutschland junge Kampfwillige anzuwerben und ihre Reise ins Kriegsgebiet zu finanzieren. Offenbar wurden mit Geld aus geplünderten Opferstöcken Reisekosten beglichen.

Mit Ausnahme des Pakistani Mirza Tamoor B., mit 58 Jahren eine Art Senior des Unterstützernetzwerks, sind die anderen Inhaftierten deutsche Staatsbürger mit Migrationshintergrund. Ihre von der Polizei genannten Namen klingen teils nach einer Herkunft aus dem afghanisch-pakistanischen Raum: Mustapha A., Kais B.O., Lazhar B.O., Sofien B.O., Omar B.O. Anouar J., Ali Ö. und Usman A. Die meisten sind Mitte 20. Sie stammen aus NRW, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und Bayern. Gegen Kais B.O. und den älteren Pakistani lagen Haftbefehle des Generalbundesanwalts vor. Den beiden wird die Schleusung junger Kämpfer vorgeworfen, dem 58-Jährigen die Zahlung von 3200 Euro sowie den Schmuggel eines Transportfahrzeugs nach Syrien.

Schlichte Kriminelle

NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD): „Festnahmen und Durchsuchungen beweisen, dass die Sicherheitsbehörden wachsam sind und sämtliche rechtliche Möglichkeiten zur Bekämpfung nutzen.“ Der Chef der Gewerkschaft der Polizei in NRW, Arnold Plickert, hofft, „dass auch die heimlichen Unterstützer abgeschreckt werden“.

Gut möglich. Die innere Einstellung der IS-Unterstützer wendet sich vom Fundamentalismus ab. Auch ihre „Karrieren“ sind andere. Nach Auswertung von Lebensläufen glauben Polizeibehörden, dass viele der heutigen „Dschihadisten“ schlichte Kriminelle sind. Deren Vorgehen kennen die Ermittler.