Obduktion stützt Notwehr-Aussage des überfallenen Jägers

In diesem Haus in Neuenrade-Affeln kam es zu dem tödlichen Schuss.
In diesem Haus in Neuenrade-Affeln kam es zu dem tödlichen Schuss.
Foto: WP
Der Einbruch und seine tödlichen Folgen sind in Neuenrade-Affeln in aller Munde. Das Verständnis für das Verhalten des überfallenen Opfers überwiegt.

Neuenrade. Nach dem tödlichen Schuss auf einen mutmaßlichen Einbrecher im Sauerland hat die Obduktion keine Widersprüche zur Notwehrversion des Hauseigentümers ergeben. "Das Obduktionsergebnis deckt sich mit der geschilderten Notwehrsituation", teilte die Polizei am Mittwoch mit.

Die Ermittlungen zur Aufklärung des Wohnungseinbruches dauerten an. So prüft die Polizei, ob der 18-Jährige allein unterwegs war. Die Ermittler halten das wegen der abgelegenen Lage des Hauses in einem sehr ländlich gelegenen Vorort von Neuenrade für unwahrscheinlich.

Polizei ermittelt gegen Hausbesitzer

Es sei möglich, dass es Mittäter gebe, weil kein Auto in der Nähe des Tatortes gefunden wurde, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Hagen am Mittwoch. Da der 18-Jährige in Dortmund gemeldet war, gehe man nicht davon aus, dass er zu Fuß unterwegs war.

Staatsanwaltschaft und Polizei ermitteln gegen den 63 Jahre alten Hausbesitzer, der den mutmaßlichen Einbrecher in der Nacht zum Dienstag erschossen hatte, wegen Totschlags. Der Mann hatte sich auf Notwehr berufen. Er sei durch Geräusche wach geworden, und bei der Kontrolle seines Hauses auf den Einbrecher gestoßen. Der Mann habe ein Messer gehabt, deshalb habe er geschossen. Als Jäger durfte er den Revolver besitzen.

Besuch vor Ort: Das Haus liegt in einer stillen Ecke

Sie ringt nach Worten, will nicht reden. „Es geht nur die Familie an, wie wir uns fühlen. ­Haben Sie bitte Verständnis. Eine schlimme Geschichte.“ Vor zehn Stunden hat der Ehemann der ­62-Jährigen einem Einbrecher in den Kopf geschossen. Der 18-jährige Albaner wird ­lebensgefährlich ­verletzt und stirbt am Dienstagmittag im Allgemeinen Krankenhaus in Hagen.

Der Albtraum beginnt um 2.20 Uhr. Die Eheleute liegen im Tiefschlaf. Ihr Schlafzimmer befindet sich im ersten Stock. Geräusche wecken beide auf. Dem Paar ist sofort klar: Es muss sich um einen Einbrecher handeln. Ihr Haus in Neuenrade-Affeln liegt am Ende einer Straße, verschwindet hinter Bäumen und Sträuchern. Dahinter sind Felder. Eine stille Ecke.

Revolver am Bett

Der 63-jährige steht auf, nimmt seinen Revolver, der unweit vom Bett seinen Platz hat, und folgt den seltsamen Lauten. Sie kommen aus einem anderen Zimmer, ebenfalls in der ersten Etage. Er öffnet die Tür und vor ihm steht ein junger Mann, mit einem Messer in der Hand. Der Rentner überlegt nicht lange und drückt ab. Die Kugel trifft den Einbrecher im Kopf. Seine Ehefrau alarmiert die Polizei.

So beschreibt die zuständige Hagener Staatsanwältin Beatriz Föhring den Ablauf nach Aussagen des Hauseigentümers. Sie weiß außerdem, dass der Täter eine Leiter benutzt hat und durch ein Fenster eingestiegen ist. Informationen über den Eindringling sind bislang spärlich. „Er ist im September 2015 nach Deutschland gekommen, war zuerst in Herford und ist zuletzt in einer Flüchtlingsunterkunft in Dortmund registriert gewesen.“ Ob der Einbrecher alleine unterwegs war? „Die Vermutung liegt nahe, aber es gibt keine Hinweise.“

Griff zur Waffe erlaubt

Dass der 63-jährige Neuenrader berechtigt ist, eine Waffe im Haus zu haben, daran besteht bei den Ermittlern kein Zweifel. Er ist Jäger und hat eine Waffenbesitzkarte, darunter darf auch ein Revolver, eine sogenannte Kurzwaffe, sein. Sie wird angewendet, wenn angeschossenes Wild per Fangschuss erlöst werden soll.

Mit dem Tod des Täters ist der Fall für die Staatsanwaltschaft nicht aufgeklärt. „Wir ermitteln, ob es Notwehr war“, sagt die Staatsanwältin. Auch für die 46-Jährige ist dieser Fall ungewohnt. Ganz allgemein gesprochen erklärt sie: „Wenn sich ein Opfer in einer bedrohlichen Lage befindet und den Angriff effektiv abwehren kann, ist auch in Deutschland der Griff zur Pistole erlaubt.“ Strafrechtlich bliebe es hingegen nicht ohne Folgen, wenn jemand dem vermeintlich überraschten Täter auf der Flucht in den Rücken schießen würde.

Die juristischen Feinheiten interessieren die Menschen in dem 1166-Seelen-Ort im Märkischen Kreis nicht. Der Ort wirkt wie ausgestorben. Schneeschauer sorgen für die einzige Belebung. Gleichwohl, der Einbruch und seine tödlichen Folgen sind in aller Munde. Namentlich aber tritt niemand in Erscheinung und sagt etwas zu dem Vorfall. Das überrascht nicht. Wer will öffentlich in die Rolle des Richters schlüpfen und sein Urteil fällen?

Verständnis für die Opfer

Die Stimmung allerdings ist an diesem Tag eindeutig. Das Verständnis für das Verhalten des überfallenen Opfers überwiegt, auch wenn der Tod des 18-Jährigen betroffen macht. Sei es beim Frisör, in der Bäckerei, in der Bank und in der Gaststätte. Mehr Treffpunkte gibt es in Affeln nicht. „Und hoffentlich merken sich andere Einbrecher dieses Ende“, sagt eine 48-Jährige.

Einer 54-Jährigen ist die ganze Entwicklung angesichts steigender Einbruchzahlen nicht geheuer: „So etwas passiert ja nicht alle Tage in so einem Dorf. Das Verbrechen kommt immer näher.“ Das sieht auch eine 37-Jährige im Frisierstuhl ähnlich: „Sonst passieren solche Geschichten immer weit weg. Jetzt bei uns vor der Haustür. Furchtbar.“ Und in der Gaststätte herrscht Gewissheit: „Damit musste man mal rechnen.“

Affeln ist nach Einschätzung der Polizei im Märkischen Kreis nicht im Visier albanischer Banden. „Der Ort wird nicht von Albanern heimgesucht“, versichert Sprecher Dietmar Boronowski. Er erinnert an die Festnahme einer sechsköpfigen albanischen Bande im Januar. Die Mitglieder wohnten in einer Notunterkunft für Flüchtlinge - im Nachbarort Plettenberg.

 
 

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