Neues Anerkennungsgesetz für Abschlüsse hilft Migranten

Auszubildende des KfZ-Handwerks diagnostizieren am 17.04.2013 im Bildungs- und Technologiezentrums (BTZ) der Handwerkskammer Leipzig in Borsdorf (Sachsen) eine Fehlerquelle an einem Fahrzeug.
Auszubildende des KfZ-Handwerks diagnostizieren am 17.04.2013 im Bildungs- und Technologiezentrums (BTZ) der Handwerkskammer Leipzig in Borsdorf (Sachsen) eine Fehlerquelle an einem Fahrzeug.
Foto: dpa
Mit dem neuen Anerkennungsgesetz des Bundes für Berufsabschlüsse aus dem Ausland können viele Migranten in Deutschland in ihren erlernten Berufen arbeiten.

Hagen/Arnsberg/Siegen.. Gute Idee zur Gewinnung dringend benötigter Fachkräfte, aber schleppende Umsetzung. Das ist das Fazit von Bildungsexperten aus Südwestfalen gut ein Jahr nach Inkrafttreten des Bundesgesetzes zur Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse. Das Problem: In Deutschland leben viele Migranten mit bisher nicht anerkannten ausländischen Qualifikationen, die hier als Taxifahrer oder Hilfsarbeiter ihr Leben fristen. Gleichzeitig fehlen Fachkräfte.

„Da ist Potenzial“, sagt Dinah Bergmann, bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Arnsberg zuständig für die Betreuung von ausländischen Bewerbern. Die diplomierte Betriebswirtin hat fünf Jahre lang an der Fachhochschule Bad Honnef internationale Hochschulabschlüsse bewertet und wurde eigens für die Betreuung von Migranten in Arnsberg eingestellt. Sie benennt sofort die Gruppe, die sich erst gar nicht um eine Anerkennung bei der IHK Fosa in Nürnberg - der zuständigen Gemeinschaftseinrichtung aller Kammern - bewerben sollte: „Wenn jemand vor 25 Jahren Elektriker gelernt hat, dann macht es keinen Sinn, das heute noch anerkennen zu lassen“. Die Kenntnisse seien dann veraltet.

Zahlen wurden überschätzt

Bergmann weist aber darauf hin, dass die Bewerberzahlen offensichtlich von den Behörden überschätzt worden sind. „Die Erwartungen waren höher, und sie haben sich bei weitem nicht erfüllt“, sagt sie. Zu den positiven Begleiterscheinungen des Gesetzes zählt Bergmann, dass nicht nur der Abschluss allein zählt, sondern auch die Berufserfahrung. So habe ein aus Polen stammender Mann jahrelang für die gleiche Bezahlung als Hilfsarbeiter bei einem großen Autozulieferer aus Meschede gearbeitet und durch den Antrag eine Teilanerkennung als Mechatroniker erhalten.

Rund 2700 Anträge seien bei der Fosa in Nürnberg eingegangen und 1100 Bescheide erteilt worden, schätzt Thomas Haensel, bei der Südwestfälischen Industrie- und Handelskammer zu Hagen (SIHK) Geschäftsführer für berufliche Bildung. In 69 Prozent der Fälle sprach die Fosa die volle Gleichwertigkeit aus. Zehntausende seien aber erwartet worden. „Die Zahlen passen nicht zu dem politischen Lob“, meint er und deutet an, dass man auch das Tempo bei der Bearbeitung erhöhen könne.

Schließlich bezahlten die Kammern Geld für den Service. Wieviel, will er nicht sagen, aber die Rede ist von bis zu 15 000 Euro im Jahr. Die Antragsteller kommen vorwiegend aus Polen, Russland und der Türkei und bewerben sich für die Anerkennung von 130 verschiedenen Berufen. Im Handwerk zählten die Kammern rund 1700 Anträge, von denen rund 500 entschieden wurden. 57 Prozent davon erhielten die volle Gleichwertigkeit.

Ein gravierendes Problem bleibt allerdings bestehen: Der Bund konnte im vergangenen Jahr nur regeln, was in seiner Zuständigkeit liegt und forderte die Länder auf, das Ihrige festzulegen. Und zwar für Lehrer, Ingenieure, Ärzte, weitere Gesundheitsberufe, Erzieher.

Man wollte die Migranten zwischen Flensburg und Garmisch möglichst gleich behandeln. Doch daraus ist inzwischen ein bunter Flickenteppich geworden. Erst sechs Bundesländer haben das entsprechende Gesetz verabschiedet: Hamburg, das Saarland, Niedersachsen, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern und NRW Ende Mai. Darin haben sie aber unterschiedliche Regelungen getroffen, was den Umzug von Migranten deutlich erschwert.

NRW machte eine Ausnahme bei den Lehrern, deren Qualifikationen man trotz des Mangels in vielen, vor allem naturwissenschaftlichen Fächern ausklammerte. Warum? Das beim Zustandekommen des Gesetzes federführende NRW-Arbeitsministerium von Minister Guntram Schneider (SPD) verweist auf einen Einspruch des Schulministeriums, dem zufolge Migranten keine Beamten werden könnten, bevor sie eingebürgert seien.

Hoch kompliziert

Das Schulministerium wiederum teilte zur Begründung mit, bei Migranten, die in Deutschland Lehrer werden wollten, sei „mit großem fachlichen Nachholbedarf zu rechnen“, was die Zentren der praktischen Lehrerausbildung (Referendariat) deutlich „überlasten“ würde.

So sind die ausländische Lehrer in NRW auf das alte, hoch komplizierte Anerkennungsverfahren zurückgeworfen: 70 Prozent scheitern daran, dass in in Deutschland im Studium zwei Fächer üblich sind und dass bei den Deutsch-Kenntnissen fast ein muttersprachliches Niveau verlangt wird, kritisieren die Kammern.

 
 

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