Natur als Standortfaktor lockt Unternehmen nach Südwestfalen

Professor Karl-Heinz Otto vom Geographischen Institut der Universität Bochum weiß um den Stellenwert der Natur – auch als Standortfaktor.
Professor Karl-Heinz Otto vom Geographischen Institut der Universität Bochum weiß um den Stellenwert der Natur – auch als Standortfaktor.
Foto: Ingo Otto / FUNKE Foto Services
  • Für den Bochumer Professor Karl-Heinz Otto sind Natur und Industrie kein Gegensatz.
  • Im Gegenteil: Im Einklang locken sie Unternehmen und Führungskräfte an.
  • Doch die Idylle ist vom demografischen Wandel bedroht.

Bochum/Hagen.. Standortfaktoren locken Firmen an oder schrecken sie ab – je nachdem. Seitdem das Vorhandensein harter Standortfaktoren wie gute Verkehrsanbindung, ein ausreichendes Facharbeiter-Reservoir oder Erweiterungsmöglichkeiten für Unternehmensansiedlungen vorausgesetzt werden, ist zunehmend auch von weichen Faktoren die Rede: Aus- und Weiterbildungsangebot, kulturelles Angebot, Vereinsleben, Natur. Natur als Standortfaktor für Unternehmen? „Ja“, sagt Professor Karl-Heinz Otto (58) vom Geographischen Institut der Universität Bochum. „Südwestfalen ist ein riesiges Naturparkgebiet und gleichzeitig die drittstärkste Industrieregion Deutschlands mit einer hohen Dichte an Weltmarktführern. Das passt zusammen.“

Wobei die Industrie von heute nicht mehr die Industrie von gestern ist. „Die südwestfälischen Weltmarktführer stellen ihre Produkte nicht in schwarzen oder grauen Hallen her, die Luft ist nicht mehr emissionsbelastet. Das sind saubere, hochspezialisierte und hochproduktive Unternehmen, die für den Weltmarkt arbeiten“, stellt der Professor klar, der auch Vorsitzender der Geografischen Kommission für Westfalen in Münster ist. Er habe lange in Quito in Ecuador gearbeitet, ergänzt er. Was sei am Hausberg (knapp 5000 Meter Meereshöhe) zu sehen? Das Werbeemblem eines südwestfälischen Weltmarktführers.

Demografischer Wandel bedroht die Idylle

Die reichlich vorhandene Natur in Südwestfalen wirkt den demografiebedingten drohenden Bevölkerungsverlusten entgegen, so Prof. Ottos Credo. Man müsse die Menschen, die hier lebten, halten, und neue gewinnen. Denn die Idylle ist bedroht: Dörfer beginnen auszubluten, Schulabgänger fehlen, Führungskräfte machen oft einen Bogen um die Region: „Was liegt also näher als Unternehmen mit weichen Standortfaktoren zu locken? Die Menschen, die hier arbeiten sollen, wollen auch wandern und skifahren, Arbeit und Freizeit verbinden“, sagt der Professor.

Es gehe nicht darum, aus der Landschaft ein Museum zu machen, sondern sie von der Bevölkerung und von Touristen nutzen zu lassen. Naturparke mit „sanftem Schutzstatus“ wie der Arnsberger Wald, das Rothaargebirge, Ebbegebirge oder Homert hätten als Erholungsgebiete eine wichtige Bedeutung für den Umwelt- und Klimaschutz. Der zweite Aspekt sei die Bildung. „Um den Naturschutzgedanken unter die Leute zu bekommen, braucht man Wissen darüber. Je früher man damit anfängt, desto besser. Man muss Kindern zeigen, dass das Sauerland nicht nur von Löchern in Handynetzen geprägt ist.“

Eile ist geboten. Nicht nur wegen der zum Teil schlechten Verkehrsanbindungen und der Probleme mit schnellem Internet. „Ich befürchte, dass viele kleine Dörfer im Sauerland ausbluten werden, wenn nicht alles dafür getan wird zu verhindern, dass der Mittelstand abwandert. Um ihm entgegen zu kommen, müsse die Politik an einem Strang ziehen, fordert Otto. Aber nicht nur die Politik.

Sauerland, Marktführer im Schrumpfungsprozess

Der Professor kann sich weitere Image-Aktionen wie Festivals und Musical-Events in der Region vorstellen. Dazu Bildungs- und Tagungstourismus: „Damit kann Südwestfalen dafür werben, dass es eine starke Industrieregion ist, in der Arbeit, Erholung und Bildung möglich sind.“

„Es wird auch zu Schrumpfungsprozessen in anderen ländlichen Regionen kommen“, ist Otto überzeugt. Aber im Sauerland werde er stärker ausfallen als anderswo. Marktführer im Schrumpfungsprozess zu sein – das sei kein ehrenvoller Titel.

 
 

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