Muslimische Schüler gewinnen Preis in evangelischer Religion

Monika Willer
Die Zahl der Muslime, die in der Oberstufe christlichen Religionsunterricht wählen, nimmt zu.
Die Zahl der Muslime, die in der Oberstufe christlichen Religionsunterricht wählen, nimmt zu.
Foto: ddp
Besondere Auszeichnung für acht muslimische Schüler in Westfalen: Sie gewannen Preise, weil sie besonders gute Noten im Religionsunterricht hatten. Und zwar im evangelischen. Die Zahl der Muslime, die in der Oberstufe christlichen Religionsunterricht wählen, nimmt zu.

Hagen. Acht muslimische Schülerinnen und Schüler sind an westfälischen Gymnasien und Gesamtschulen jetzt mit dem Abiturpreis im Fach Evangelische Religion geehrt worden. Voraussetzung für die Auszeichnung ist die Note Eins oder Eins plus. Diese Meldung der Evangelischen Landeskirche von Westfalen bringt Vorurteile ins Wanken. Prof. Dr. Hans-Martin Lübking, Leiter des Pädagogischen Instituts der Landeskirche in Schwerte, hat den Preis vor drei Jahren ins Leben gerufen – auf Anregung von Lehrern, die es schade fanden, dass der Chemikerverband und weitere Einrichtungen exzellente Abiturienten fördern, es im Fach Religionskunde aber keine Belobigung gab.

Lübking war selbst überrascht, dass muslimische Schüler Evangelische Religionskunde in der Oberstufe wählen. „Wir haben festgestellt, dass unter den Einser-Abiturienten eine ganze Reihe türkischer Namen waren, da haben wir nachgehakt. In diesem Jahr haben wir acht muslimische Abiturienten, die eine glatte Eins in Evangelischer Religionskunde hatten.“

Mehr konfessionslose und muslimische Schüler wählen Religionsunterricht

Schüler in der Oberstufe können zwischen Religion oder Philosophie wählen. „Wir stellen fest, dass der Evangelischer Religionsunterricht deshalb attraktiv ist, weil sie erleben, dass man hier frei diskutieren kann, weil er ergebnisoffen ist, weil er anspruchsvoll ist. Grundsätzlich ist der Evangelischer Religionsunterricht offen für alle, daher haben wir in jüngerer Zeit zunehmend konfessionslose und muslimische Schüler, die Religion freiwillig machen anstelle des Ersatzfaches praktische Philosophie“, so Prof. Lübking.

Lehrerin Christiane Fischer ist an der Willy-Brandt-Gesamtschule in Bergkamen Abteilungsleiterin der Oberstufe. Hier haben muslimische Schüler schon zum fünften Mal Evangelische Religion als Abiturfach gewählt. „Diejenigen, die eine Eins in Religion gemacht haben, sind sehr leistungsstarke Schüler“, unterstreicht die Pädagogin. „Es ist nicht so, dass Reli ein leichtes Fach wäre.“ 15 türkischstämmige Jungen und Mädchen sind seit 2005 in Bergkamen in Evangelischer Religionskunde geprüft worden, drei in Katholischer Religionskunde. 25 Prozent der Abiturienten an der Willy-Brandt-Gesamtschule sind türkischer Herkunft.

Großes Interesse und hohes Engagement

Christiane Fischer kann also das Klischee vom bildungsfeindlichen muslimischen Milieu nicht bestätigen. „Die Eltern unserer Schüler haben sehr häufig den Ansatz: Ihr sollt es einmal besser haben als wir.“

Die muslimischen Schüler, die Religion als Abiturfach wählen, haben in der Regel ein besonderes Interesse an religiösen Fragen. Christiane Fischer: „Wer sich für Religionskunde entscheidet, aus Interesse, die christliche Religion kennenzulernen, ist häufig sehr engagiert.“

So wie Halid-Furkan Cevik, Einser-Abiturient in Evangelische Religion und damit Preisträger in Bergkamen. „Vieles war mir neu und vieles war mir vertraut. Die Kerngedanken unserer Religionen, die Beziehung zwischen Gott und Mensch und umgekehrt, sind sich sehr ähnlich.“

Tod und Auferstehung von Jesus Christus haben den jungen Mann besonders fasziniert. „Jetzt habe ich verstanden, warum Jesus für die Christen so eine zentrale Bedeutung hat. Es ist wirklich beeindruckend im Christentum, wie sehr der Glaube das Leben zwischen den Menschen bestimmt. Im Islam kommt der andere Mensch erst an fünfter Stelle. Im Christentum steht die Nächstenliebe gleich neben der Liebe zu Gott. Diese Radikalität der Liebe ist imponierend.“

„Der Preis hat ziemliche Wellen geschlagen“

Prof. Lübking hat die Beobachtung gemacht, dass auch die Eltern der muslimischen Schüler die Wahl des Faches Religion anstelle von Philosophie unterstützen. „Bis Islamischer Religionsunterricht flächendeckend eingerichtet ist, vergehen noch 15 Jahre. Da wird der Ev. Religionsunterricht lieber gewählt als das Ersatzfach, weil es erkennbar um Werte geht, um erkennbare Positionen.“

„Der Preis hat ziemliche Wellen geschlagen“, bilanziert Prof. Lübking erfreut. Insgesamt sind im Bereich der Ev. Kirche von Westfalen in diesem Jahr 170 Preise an herausragende Abiturienten vergeben worden. Am Johannes-Althusius-Gymnasium in Bad Berleburg haben sogar acht Schüler der Abiturklasse die Auszeichnung erhalten.

Auch das Erzbistum Paderborn hat jetzt einen Abiturpreis für Katholische Religionskunde eingeführt. Der gläubige Muslim und Abiturient Halid-Furkan Cevik beschreibt seine Erfahrungen mit dem Religionsunterricht: „Wenn das gelingen kann, dass die Menschen die andere Religion akzeptieren und ihre eigene lieben, dann hätten wir deutlich weniger Konflikte in der Welt.“