Milliarden für marode Schulen

Unterwegs mit den Schülervertretern Laura Simmler und Luca Samlidis im Ennepetaler Reichenbach Gymnasium.
Unterwegs mit den Schülervertretern Laura Simmler und Luca Samlidis im Ennepetaler Reichenbach Gymnasium.
Foto: Funke Foto Services
  • Milliarden für marode Schulen
  • Schülervertreter schreiben offenen Brief an Landrat
  • Die Situation der Städte und Gemeinden

Ennepetal..  In den Kommunen Südwestfalens laufen zurzeit Vorbereitungen, um sich ein großes Stück aus der Zwei-Milliarden-Torte des Landes zu sichern, die den Sanierungsstau an den Schulen kräftig abbauen soll. Heute will Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) Details zum Verteilungsschlüssel vorstellen. Städte und Gemeinden halten sich bedeckt. Niemand will zu früh eine Bedarfssumme nennen, um nicht von Konkurrenten ausgebootet zu werden. Eine Bestandsaufnahme aus der Region.

Die Schülervertreter

Luca Samlidis und Laura Simmler von der Bezirksschülervertretung des Ennepe-Ruhr-Kreises hatten es satt, sich mit Versprechungen auf zukünftige Fördertöpfe abspeisen zu lassen. Sie haben als Interessenvertreter von 30 000 Schülern ihrem Landrat Olaf Schade (SPD) einen offenen Brief geschrieben. Sie bitten nicht um Luxus wie vergoldete Bleistifte, sondern um Investitionen in marode Schulgebäude. „Wir möchten keine Angst mehr haben, die Toiletten aufzusuchen, wir möchten, dass die Sporthallendecken dort bleiben, wo sie hingehören“, heißt es in ihrem Schreiben. In Deutschland funktioniere vieles, sagen sie. In den Schulen allerdings nicht. Der Investitionsstau sei größer als beim Straßenbau. Den Satz, dass doch etwas gemacht werde, wenn auch zu wenig, können die 16-Jährigen nicht mehr hören. „Es muss Schluss sein mit dem Pfusch“, sagt Laura Simmler.

Luca Samlidis zeigt uns seine Schule. Das Ennepetaler Reichenbach Gymnasium. Die Umkleidekabinen und Duschen in einer Sporthalle werden zurzeit saniert, es gibt eine neue Feuerschutztreppe. Die Klassen sind sauber. Nur einige Toiletten sehen verfallen aus. Die Bausubstanz ihrer Schule, verrät Laura Simmler, sei bei weitem nicht so gut. Im Albert-Martmöller Gymnasium in Witten wage man sich nur auf die Toiletten, für die man zehn Euro im Jahr bezahlt hat. Die Schüler Laura und Luca fordern, mehr Geld in die Bildung zu stecken. „Immerhin sind wir die Wähler von morgen“, beenden sie das Gespräch.

Die Situation

Undichte Fenster, bröckelnder Putz, löchrige Böden - an fast allen Schulen in Südwestfalen gibt es bauliche Mängel, berichten Schuldezernenten dieser Zeitung. Laut einer groß angelegten Umfrage des WDR besteht in NRW durchschnittlich ein Sanierungsbedarf von 500 000 Euro pro Schule. Nur 15 Prozent aller Schulgebäude seien baulich in Ordnung. In den letzten Jahren mussten die Kommunen viel Geld in den Brandschutz investieren. Dazu zwangen sie die neuen Brandschutzbestimmungen. Auch die energetische Sanierung alter Schulgebäude hat viel Geld gebunden. Zurzeit werden in Südwestfalen vor allem Sporthallen renoviert. Das Schulministerium wollte zum Sanierungsstau keine Stellungnahme abgeben, die Bezirksregierung Arnsberg verwies auf die Kommunen als Schulträger.

1995 machten die Investitionen noch 45 Prozent der kommunalen Gesamtausgaben aus. Heute liegt der Anteil bei 25 Prozent.

Die Städte und Gemeinden

„Gerade als Sie angerufen haben, waren wir dabei ein Team für das Schulprogramm 2020 zusammenzustellen“, so Babette Bammann. In Siegen, berichtet die Schuldezernentin, seien „mehr oder weniger“ alle 40 Schulen sanierungsbedürftig. „Insbesondere das Schulzentrum im Stadtteil Dreisbach.“ Allein die Komplettsanierung der Rundsporthalle koste fünf Millionen Euro. Im Bereich der Gebäudeunterhaltung sind in Siegen von 2010 bis 2015 insgesamt rund 25 Millionen Euro an Aufwendungen für den Erhalt der Schulen investiert worden. Für Maßnahmen wie Malerarbeiten etc. wurden in diesem Zeitraum zehn Millionen Euro ausgegeben. Der Bedarf liege aber weit höher.

Auch in Meschede sei nicht „alles so, wie es sein sollte“, bestätigt Jörg Fröhling. „Vor allem bei den Turnhallen.“ Der Stadtsprecher ärgert sich darüber, dass die 30 000 Einwohner zählende Stadt, die seit Jahren in der Haushaltssicherung stecke, bei den Schlüsselzuweisungen gegenüber den kreisfreien Städten benachteiligt werde.

In Ennepetal beträgt das Investitionsprogramm im nächsten Jahr 2 544 000 Euro. Fast 22 000 Euro mehr als 2016. Allein für den Brandschutz soll 1,4 Millionen Euro ausgegeben werden.

Thomas Bleicher von der Stadt Hagen verweist auf die Gesamtschule im Stadtteil Eilpe. Dort fühlt man sich beim Blick in die Technikräume tief ins vergangene Jahrhundert zurückversetzt. Veraltete Maschinen, ein Schrank wird von schweren Kalksandsteinen gestützt, Vitrinen ohne Sicherheitsglas. Angesprochen auf den Schulentwicklungsplan für die 60 Schulen, berichtet Bleicher: „Uns hat der Flüchtlingsstrom einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wir hatten uns bereits von einer Reihe von Schulen getrennt.“ Durch die vielen Flüchtlingskinder müssten die Hauptschulen nun länger am Leben gehalten werden als geplant.

Der Landrat

Olaf Schade, Landrat im Ennepe-Ruhr-Kreis, hat auf den offenen Brief der Bezirksschülervertretung prompt reagiert. Am kommenden Donnerstag trifft er sich mit Laura Simmler und Luca Samlidis, um sich mit ihnen über den Sanierungsstau zu unterhalten. „Ich habe meine Karriere als Bezirksschülervertreter begonnen und weiß ihr Engagement zu schätzen“, berichtet er. Deshalb freue er sich auf das Gespräch. Und, was wird es ­bringen? Olaf Schade: „Warten wir’s es ab.“

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