Meinolf Pape: „Ich bin nun mal nicht so eine Märchenfee“

Thomas Reunert
„Paco“ trägt Mokaschi in der letzten Saison durch Kriege und Verbrüderung.
„Paco“ trägt Mokaschi in der letzten Saison durch Kriege und Verbrüderung.
Foto: Michael May/IKZ
Bei den Karl-May-Festspielen in Elspe spielt Meinolf Pape im Stück "Der Ölprinz" Mokaschi, einen stolzen Querkopf-Krieger, der das Problem mit den Weißen auf seine eigene Art und Weise richten will. Bis jetzt hat Pape etwa 10.800 Kämpfe hinter sich. Und lag schon mal mit fünf ramponierten Elsper Mitspielern im Krankenhaus - mit 120 Flaschen Sekt auf der Fensterbank.

Elspe. Nein, was ist das ausnahmsweise mal schade, dass man das Gespräch mit Meinolf Pape nur aufschreiben kann, dass man die Stimme, den Tonfall dazu nicht rüberbringen kann. Nicht dieses herrliche, rollende Sauerländer „Rrrrrr“, diese glasharten „a“s, die immer ein bisschen wie „ääääh“ klingen.

Wenn Meinolf Pape „Ärrrrrntebrrrrrrück“ sagt, dann möchte man schon klatschen und Zugabe fordern. Und wenn er dann noch dazu lacht, den Kopf in den Nacken wirft und die Zähne mit den Augen um die Wetter blinzeln, ist einfach alles gut. So reden und sprechen eben Helden im Wilden Westen. Oder in Elspe. Die ganz besonderen Helden. Die, die Dienstgrad mäßig zwar unter Winnetou und Old Shatterhand stehen, die aber im Herzen der Zuschauer längst auf Augenhöhe operieren.

Es ist Dienstagmittag im Clubhaus des Elspe Festival. Um diese Zeit ist noch nichts los. Obwohl in nur knapp zwei Stunden die nächste Aufführung von „Der Ölprinz“ beginnt. Dann wird Meinolf Pape auch wieder Mokaschi sein, der stolze Ober-Querkopf-Krieger, der sich so gar nicht nach Winnetous Friedensvorstellungen richten und die Sache mit den weißen Männern auf seine Weise regeln will.

Dabei wird er sich natürlich auch wieder einem der legendären Gottesurteile stellen. Wer den Kampf gewinnt, ist von da ab der Bestimmer. „Wenn diese Saison vorbei ist, werde ich hier oben ziemlich genau 10.800 Kämpfe gemacht haben“, sagt er und rechnet weiter vor: „Dann bin ich pro Kampf etwa acht Mal zu Boden gegangen. Immer aufs Kreuz.“ Noch Fragen?

Reden wir also gleich kurz über die Verletzungen: Arme sowieso, acht Rippen sind es wohl insgesamt, die inzwischen gebrochen sind. Oder gebrochen wurden, weil der Schlag des Gegners nicht genau gepasst hat. Irgendwann hing auch der Meniskus mal fest, musste in der Pause mit Gewalt wieder gangbar gemacht werden. „Aber ich habe aus solchen Gründen nicht eine Vorstellung gefehlt.“

Jetzt hängt Papes Meinolf noch kurz die Geschichte dran, wie er mit vier oder fünf ramponierten Elsper Mitspielern gleichzeitig in Hellersen in einem Krankenzimmer lag. „So was hatte der Arzt noch nicht gesehen. Wir hatten keine Blumen aber 120 Flaschen Sekt auf der Fensterbank. Von den Fans.“ Weil er aufstehen durfte, ist er nach den Mahlzeiten immer rumgegangen, hat den anderen eine Runde „Fernet“ verabreicht.

„Heute hätten sie mir wohl Tabletten gegeben“

Zurück zur Geschichte. Die des Meinolf Pape beginnt im März 1948 in Elspe als Sohn eines Kriegsinvaliden. Pape beschreibt sich selbst als lebhaftes Kind: „Heute hätte man mir wahrscheinlich Tabletten dafür gegeben, weil man das für ADHS gehalten hätte. Aber damals war ich einfach nur immer in Bewegung. Schon vor der Schule war meistens die Hose versaut. Meine Mutter war immer nur am waschen.“ Mit fünf Jahren sitzt der Junge zum ersten Mal auf der Liebe seines Lebens, einem Pferd. Von dem Moment an ist er in diese Tiere vernarrt, versucht jede freie Minute in ihrer Nähe zu verbringen.

Und genau so kommt es eigentlich auch zum Kontakt mit der Bühne hoch über Elspe. Dort wurden nämlich Pferde für die Aufführungen gebraucht. Weil man nicht genug eigene hatte, lieh man sie sich bei den Bauern im Tal, mussten also immer wieder hoch- und runtergebracht werden. Genau die richtige Aufgabe für den kleinen Meinolf.

1963 dann die erste kleine Zufalls-Rolle. Ohne Text. Ein Statist war ausgefallen und für den 15-Jährigen war das natürlich ein Klacks. Im nächsten Jahr schon mal ein erster Satz. Und so weiter und so weiter. Pape leckt Blut, kann sich durchaus vorstellen, Berufsschauspieler zu werden. Doch der Vater will das nicht. Sie kommen zu Hause finanziell nicht über die Runden, der Junge muss mithelfen die Familie zu ernähren, da ist kein Platz für solche Faxen.

Anfangs muss er deshalb auch nicht zur Bundeswehr. Zweimal wird er zurückgestellt. Doch eines Mittags steht ein grüner Wagen vor der Tür, die Männer in Uniform entscheiden, dass dem Vater 100 Mark auf die Rente gelegt werden und dass der Junge dafür zu den Waffen soll. Er kommt zur Luftwaffe. Allerdings mit heimatnaher Verwendung und sein Kommandeur hat Verständnis dafür, dass er auf der Bühne, im Stall, im Wilden Westen und an der Indianer-Front noch dringender als in der Vaterlandsverteidigung gebraucht wird. „Ich habe dadurch keine Saison gefehlt.“

Dass man auf Meinolf Pape auch von anderer Seite aufmerksam werden würde, ist eigentlich nichts Außergewöhnliches. Er ritt wie ein Indianer, bewegte sich wie ein Indianer, kämpfte wie ein Indianer, sah mit und ohne Kostüm aus wie ein Indianer. Wenn Meinolf auf seinem Pferd sitzt und schäumend-böse einen Punkt im Zuschauerraum fixiert, dann halten nicht wenige Mütter noch heute ihren Kindern die Augen zu. Am Rande: Die gleichen Mütter würden den deutlich älteren Töchtern am liebsten auch die Augen zuhalten, wenn Meinolf lacht. Weil das so herzerfrischend ehrlich, so freundlich, so ansteckend ist.

Aber zurück zur Karriere. Pape bekommt Angebote für eine richtige Ausbildung, soll an ernsthaften Bühnen arbeiten. Er macht in der Tat auch Ausflüge zum Film. Weil er zusätzlich inzwischen auch noch zum Stuntman wird. In der Wencke-Myhre-Show habe er mitgemacht, erzählt er, sei Treppen runtergefallen und durch Fenster geflogen. Er macht sogar auch großes Kino, spielt mit in „Gefangen in Frankreich – Theodor Fontane im Krieg 1870/71“.

Über Pape als Winnetouwaren die echten Fans sauer

Aber irgendwie zieht es ihn immer wieder zurück nach Elspe, zu „seiner“ Bühne. Weil das aber natürlich immer nur ein Sommer-Geschäft ist, bleibt er auch in seinem erlernten Beruf als Schweißer. Jeder Tag beginnt gegen sechs Uhr. „Erst zum Pferd, dann in die Firma bis mittags. Dann hoch zur Bühne, zum Pferd und rein ins Spiel“. Pape wird schnell zu einem der Publikumslieblinge.

Er ist nicht so ein Gala-Star wie Pierre Brice, der Edel-Indianer wie Benjamin Armbruster, er verkörpert nicht das so unendlich Gute wie Jochen Bludau als Old Shatterhand, Meinolf Pape ist kernig, er ist „Senanda“, das Halbblut, „Paranoh“ der rivalisierende, cholerische Häuptling oder eben Mokaschi. Immer so, als wäre er es auch noch zwei Stunden vor und nach der Vorstellung. Und morgens beim Metzger auch noch. Längst hatten sich unzählige Fan-Clubs im deutschsprachigen Raum gebildet.

KulturDann kommt das Jahr 1988. Jochen Bludau, stets visionärer Chef der Karl-May-Festspiele, glaubt, dass die Zeit gekommen ist, dass Meinolf auch den Winnetou spielen sollte. Dem Großteil des Publikums macht das wohl auch eine Menge Freude, doch die echten Pape-Fans schmeißen ihm den Kopfschmuck und das Tomahawk wutentbrannt vor die Füße.

Das ist nicht mehr ihr Meinolf, der sich aber auch so gar nichts sagen lässt, dem selbst auf einem toten Pferd noch die Flucht gelingt, der zwar am Ende immer einsehen muss, dass er eigentlich im Unrecht war, der das aber mit der ganz großen Würde zu tragen versteht. Ein richtiger Mann eben. Also wechselt er 1990 lieber wieder die Seiten. „Ich war halt nicht ,sonne’ Märchenfee.“

Die ersten Indianer kommen jetzt ins Clubheim. Unten schon geschmeidige Lederhose, oben noch T-Shirt. Der Schminkraum füllt sich. „Ich mache das seit 50 Jahren selbst,“ knarzt Pape. Mit ein paar Handgriffen ist das Gesicht Indianer-rot. Die Haare kann er so lassen, die sind ohnehin lang und schwarz, ebenso die Augenbrauen. „Da muss ich alle 14 Tage mit der Schere dräännn!“ Nur die Konturen um die Augen müssen etwas nachgezogen werden. „An einer großen Freilichtbühne muss man das übertreiben, damit es auf die Entfernung gesehen wird.“

Der „Sauhund“ rannte einfach los, wenn er das wollte

Gleich wollen wir zusammen noch zum Stall. Mit Meinolf Pape über Pferde zu reden, ist eigentlich schon ein Abend füllendes Programm. Zum Beispiel über „Cochise“, benannt nach dem Häuptling der Chokonen. „Cochise“ hat er als junges Pferd aus Frankreich abgeholt. Gegen den Rat der Kollegen, weil das Pferd beim Besichtigungstermin einen todmüden Eindruck gemacht hatte.

Doch Meinolf Pape wusste es besser, machte aus dem Tier seinen Partner, seinen vierbeinigen Freund. „Wenn du mir als Fremder zu nahe gekommen wärst, hätte er von Dir nix übrig gelassen.“ Als er die Geschichte erzählt, wie „Cochise“ in seinen Armen nach einem Aorten-Abriss stirbt, scheint für einen Moment auch das Leben in diesem Clubhaus stillzustehen. Pape und die Tiere, ein Kapitel für sich.

Aber er kann natürlich auch anders: Jetzt erzählt er das Döneken von dem Kamel, das man sich für eine Spielzeit in einem Zoo ausgeliehen hat. „So ein asiatisches. Mit zwei Höckern oben.“ Selbst das Tier („der Sauhund“) habe bis zu seinem Auftauchen in Elspe keine Ahnung davon gehabt, dass man es würde reiten können. Somit konnte man ihm ja auch nichts übel nehmen.

Für Pape wurden die Auftritte zur Tortur, da das Kamel grundsätzlich von Vorstellung zu Vorstellung entschied, wie lange es auf der Bühne bleiben wollte. „Du hattest manchmal gar keine Zeit, den Text zu sagen, dann ging’s schon wieder los.“ Nun kommt noch die Geschichte von der Abreise mit dem Zug, von dem Ritt zum Bahnhof in einem Höllentempo. Er habe gerade noch an der Kreuzung „den Arm zum Abbiegen rausgebracht“ und das Tier sei schließlich erst im Bahnwaggon wieder richtig zum Stehen gekommen. „Ich war völlig fertig,“ sagt Meinolf Pape.

Wir gehen noch einmal zur Bühne. Noch ist kein Einlass für die Besucher. Ob ihm das denn nicht fehlen wird, wenn er sich in dieser Saison zum letzten Mal dem tosenden Applaus stellt, wenn zum letzten Mal freihändig winkend über die Bühne rast. „Weiß ich noch nicht so genau.“ Und er sagt auch: „Es war natürlich eine unheimlich tolle Zeit hier oben.“ Einen ganzen Schrank voller „Indianerbrocken“ hätte er schließlich auch zu Hause, die könnte er ja danach noch anziehen, wann immer wolle.

Und was macht er dann als Indianer-Rentner? „Ich gehe zu meinem Pferd, das bei einem Bauern steht. Und dann reite ich ein bisken durchs Sauerland.“ Hat dieser Meinolf Pape denn wirklich so gar keinen Wunsch mehr an sein Leben? Er dreht sich ein wenig von der Kamera weg, streicht seinem Pferd über den Hals. „Was soll ich Dir sagen? Eigentlich nicht!“ Wunschlos glücklich also: „So kannzes sagen!“ Doch in seinen Augen steht in diesem Moment etwas ganz anderes. Aber Indianer sind nun mal die Meister der Selbstbeherrschung, der falschen Spuren. Und sie kennen keinen Schmerz.