Korruption greift in NRW um sich

Wilfried Goebels und Theo Schumacher

Düsseldorf.  Nach aktuellen Zahlen des Landeskriminalamtes (LKA) nimmt die Korruption in NRW zu. Die Zahl der Verfahren stieg 2012 um mehr als elf Prozent auf 348 Fälle mit 3107 Delikten. Experten des Innenministeriums rechnen zudem mit einer hohen Dunkelziffer.

In der Regel war Bestechung bei der Erteilung öffentlicher und betrieblicher Aufträge im Spiel. Die Täter gehören laut LKA als Inhaber oder Geschäftsführer „vornehmlich“ zur Leitungsebene von Firmen. Bei den Korrumpierten handelt es sich meist um städtische und kommunale Bedienstete, aber auch um Mitarbeiter der Bau- und Immobilienbranche sowie Ärzte oder Versicherungsmakler. Oft wurden Geld, Bewirtungen, Reisen und Umsatzbeteiligungen geboten, in je einem Fall auch Drogen oder die Teilnahme an einer Jagd.

Provisionen für Lkw-Verkauf

Polizei und Justiz sind ebenfalls Zielscheibe von Korruption. Dabei verfolgen die Täter häufig das Ziel, vertrauliche Informationen zu beschaffen, Konzessionen „einzukaufen“ oder Anzeigen zu verhindern. In einem Fall bot ein Autofahrer einem Polizisten - ohne Erfolg - 10 000 Euro, falls er den Vorwurf, er sei betrunken gefahren, nicht weiter verfolge. Weitere Beispiele:
Ein Führerscheinprüfer lehnte Bargeld für die Fahrerlaubnis ab.
Ein Automatenaufsteller versteckte 5000 Euro in einer Parfümpackung für eine Konzession – der Beamte wies das zurück und stellte das Geldbündel sicher.
Das Bonner Landgericht verurteilte einen Beamten wegen Handels mit Betäubungsmitteln und Bestechlichkeit zu sechs Jahren Haft.
Verkaufsleiter von Speditionen ließen sich mit Provisionen für den Kauf von Lastwagen bezahlen. Der Geschäftsführer des Lkw-Herstellers erhielt ein Jahr und vier Monate aufgebrummt, die Spediteure kassierten Bewährungsstrafen.

„Zunahme äußerst alarmierend“

Schwierig wird es für die Gerichte, wenn sie „Besichtigungsfahrten“ von „Lustreisen“ abgrenzen müssen, um den Tatbestand der Untreue nachzuweisen. Um einen eindeutig privaten Charakter ­handelt es sich laut OLG Hamm bei Bordell- und Spielbankbesuchen. CDU-Innenexperte Theo Kruse bezeichnete die Zunahme der Korruption in NRW als „äußerst alarmierend“. In Düsseldorf legten gestern mehrere Verbände den Entwurf eines Transparenzgesetzes vor - auch mit dem Ziel, den Kampf gegen Korruption zu verbessern. Laut „Transparency International“ fehlt es in NRW an Personal oder auch an Sachverstand in vielen Verwaltungen, um eine wirksame Kontrolle zu gewährleisten.

Da es sich um „opferlose Straftaten“ handele, bei denen Dritte oft unbemerkt geschädigt würden, bleibe Korruption oft unentdeckt, hieß es. Das geltende Informationsfreiheitsgesetz in NRW sei ein zu „stumpfes Schwert“, um Wirtschaftskriminalität zu Lasten der öffentlichen Hand erschweren zu können. Gemeinsam mit dem Bund der Steuerzahler und dem Verein „Mehr Demokratie“ will Transparency den Entwurf bis Juli dem Landtag zuleiten.