Kicken ohne gucken - ein Selbstversuch im Blindenfußball

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Am kommenden Wochenende gastiert die Blindenfußball-Bundesliga in Soest. Hasan Caglikalp, Spielertrainer vom ISC Viktoria Dortmund, erzählt Wissenswertes über seinen Sport. Und bietet die Möglichkeit zum Selbstversuch. Redakteur Daniel Berg nimmt die Herausforderung an.

Soest.. Ein sinnloser Termin. Zumindest einer, ohne den wichtigsten Sinn. Die Augen verschwinden hinter einer Brille aus Stoff. Gerade waren die Tore noch da, die Linien, vor allem: der Ball. Jetzt ist alles weg. Kein Licht, keine schemenhaften Bewegungen zu sehen. Einfach nichts. So Fußball spielen? Unmöglich?

Unsinn!

Es gibt Menschen, die das können. Der, der diese Zeilen schreibt, gehört nicht dazu. Er hat sich eingeladen zum Selbstversuch auf dem Kunstrasen von Westfalia Soest. Hasan Caglikalp, der Spieler und Trainer des Blindenfußball-Bundesligisten ISC Viktoria Dortmund, ist da. Er hat die Bälle mitgebracht. Und die Brillen.

Mir wird es schwarz vor Augen. Die Brille erfüllt ihren Zweck. Die anderen Sinne müssen geschärft werden. Winzige Regentropfen landen kühl auf der Haut, es riecht nach der kleinen Rasenfläche neben dem Platz, die B-Jugendlichen von Westfalia, die sich dem Experiment ebenfalls unterziehen, sind zu hören. Sie lachen, unterhalten sich. Das ist schlecht.

Für Hartgesottene

So ist der Ball kaum zu hören. Sechs Metallrasseln befinden sich in seiner Haut. Das macht ihn schwerfällig, etwas unrund. Und Köpfen zu einer Sache für Hartgesottene. Oder Masochisten. Die Rasseln sind gleichmäßig verteilt, damit die Spezialisten den Fuß auf den Millimeter genau so ausrichten können, wie der Ball tatsächlich gerollt kommt.

Er kommt gerollt. Zu mir. Nur weiß ich davon nichts. Einfach vorbei gerasselt das Ding. Sagt man mir zumindest. Ich beschließe, das für eine dreiste Lüge zu halten, was es nicht ist, und mache mich bereit.

Zweiter Versuch. Dieses Mal höre ich etwas. Der Ball kommt näher, das Rasseln wird lauter. Stoppen, nur stoppen. In den rechten Fuß soll er rollen. Nur mit Mühe kann ich einen Tunnel aus großer Entfernung verhindern. Von der Hacke des rechten Fußes springt der Ball an den linken Knöchel und kommt irgendwie zu liegen. Wie schön. Der Ball ist da.

Der ohne den Ball tanzt

Jemand ruft „Hier“. Akribisch bereite ich einen sauberen Pass vor, als es passiert. Ich habe ihn bei der Weiterverarbeitung nur leicht berührt, aber er ist weg. Kein Rasseln mehr, kein Ball mehr. Er muss irgendwo in der Nähe sein. Die Füße tasten vorsichtig nach seinem Verbleib. Es fühlt sich an, als vollführte ich einen seltsamen Tanz zu einer Musik, die nur ich höre. Der ohne den Ball tanzt. Es ist der wohl folgenschwerste und endgültigste Ballverlust aller Zeiten.

In einem richtigen Blindenfußball-Spiel würden die „Rufer“ nun helfen. Sie stehen am Spielfeldrand, das im Normalfall von einer kleinen Bande umgeben ist, und rufen den Spielern Informationen zu über die Laufrichtung, über die Entfernung zum Tor, über die Zahl der Gegenspieler auf dem Weg dorthin. Der Ballführende rasselt, alle anderen rufen, wenn sie sich in Bewegung setzen, „voy“ (aus dem Spanischen: „Ich komme“). Wer das unterlässt, begeht ein Foul. Das soll Zusammenstöße verhindern. Trotzdem ist in Deutschland ein Kopfschutz Pflicht – und Unfälle keine Seltenheit.

Kraftvoll ins Nichts

Die Gefahr für den Ungeübten beim Blindenfußball steht im krassen Gegensatz zur Gefahr, die er ausstrahlt, wenn er auf das Tor schießen will. 16 Meter vor dem Tor. Ich führe den Ball eng am Fuß, lege ihn ein kleines Stückchen vor und tschchuuuuuuuum…schwingt mein rechtes Bein kraftvoll durch. Mitten hinein. Ins Nichts. Ich ahne, dass der Ball ein bisschen weiter rechts gewesen wäre, muss mich aber erst einmal darauf konzentrieren, einen kolossalen Sturz zu vermeiden. Immerhin das gelingt. Später fliegt ein Schuss sogar noch ins Tor. Aus Glück. Blinde Fußballer haben eine ganz andere Technik, weil sie den Weg des Balles beim Schuss länger mit dem Fuß begleiten.

Ansonsten ist aber alles, wie beim herkömmlichen Fußball auch. Es wird gegrätscht, es gibt versteckte Fouls. „Und“, sagt Hasan Caglikalp, „bei den Schiedsrichtern gibt’s auch Blinde.“

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