Industrie in Südwestfalen fürchtet Einbußen durch A45-Staus

Der Lkw-Verkehr auf der A45 hat stark zugenommen - mit weiter steigender Tendenz, sagen Experten.
Der Lkw-Verkehr auf der A45 hat stark zugenommen - mit weiter steigender Tendenz, sagen Experten.
Foto: WP
Auf der A45 droht ein Dauerstau. Die südwestfälische Wirtschaft fürchtet Nachteile durch anstehende Brückensanierungen und sechsspurigen Ausbau. Mehrere Spannbetonbrücken sind marode und müssen zum Teil neu gebaut werden, während der Verkehr fließt

Hagen/Siegen.. Die Autobahn 45, Lebensader der Region Südwestfalen, womöglich auf 30 Jahre eine Großbaustelle mit Dauerstaus - diese Aussicht trifft den Wirtschaftsraum hart. „Im Prinzip müsste man über die Grundsanierung aller Brücken nachdenken“, sagt Hans Stötzel, Verkehrsreferent bei der IHK Siegen. Und das bei gleichzeitigem sechsspurigen Ausbau zwischen Dortmund und mindestens der hessischen Landesgrenze, denn die Staugefahr nicht nur zwischen Lüdenscheid und dem Westhofener Kreuz ist groß.

Nach Norden dürfen schon heute Lkw noch mit einem Gesamtgewicht von 60 Tonnen fahren, nach Süden sind es nur 40 Tonnen. Deutlich schwerere industrielle Erzeugnisse aus der Region, etwa Walzen oder ganze Maschinen und Anlagen, von deren Produktion Südwestfalen lebt, können kaum noch in vertretbarer Zeit zu einem Seehafen oder an den Rhein transportiert werden. Die A45, wegen ihrer landschaftlichen Schönheit Königin der Autobahnen genannt, ist wegen der Anfälligkeit ihrer 59 Brücken marode, und das schon zu ihrem 40. Geburtstag.

„Es ist fatal, dass wir auf der A45 keine Schwertransporte mehr durchführen können“, sagt auch Karl-Herrmann Metz, stellvertretender Leiter von Straßen NRW in Siegen und schließt noch strengere Gewichtsbeschränkungen nicht aus. Denn die Frage sei: „Wie lange ist eine Brücke noch tragfähig“ - bei der Dauerbelastung von täglich bis zu 90 000 Fahrzeugen in beiden Richtungen - konzipiert war die Autobahn einmal für 20 000 Fahrzeuge und deutlich niedrigere Achslasten. „Ein Lkw-Verbot wäre der absolute Super-GAU“, schränkt Metz ein, „die A45 hat einen Lkw-Anteil von 20 Prozent, mit steigender Tendenz wegen des wachsenden Verkehrs von und zu den Seehäfen.

Jan Tornow, Fachbereichsleiter Verkehr bei der SIHK zu Hagen, weist auf die aus dem Boden geschossenen Gewerbegebiete rechts und links der Autobahn hin, „Hauptnerv“ für die Wirtschaft in Südwestfalen. „Es wäre tragisch, wenn das auf uns zukommt.“ 30 Jahre Großbaustelle mit Dauerstau auf der A45 - „das träfe uns als Industrieregion hart.“

Kapazität ist das eine Problem

Die Kapazität ist das eine Problem, das andere ist die Bautechnik. Hätte man 1970 Autobahnbrücken anders gebaut, wenn man das Verkehrsaufkommen von heute geahnt hätte? Eine hypothetische Frage. „Auf der A45 steht die erste Generation von Spannbetonbrücken in dieser Höhe“, erklärt Ingenieur Metz. Dabei drücken gespannte Stahleinlagen den Beton zusammen, was größere Stützweiten ermöglicht. Immer wieder wurden dabei aber Umwelteinflüsse unterschätzt - auf der A45 mit ihren großen Höhenunterschieden fatal.

Die Folge: Drei Brücken, unter Umständen auch fünf, müssen abgerissen und neu gebaut werden, ein äußerst schwieriges Unterfangen bei laufendem Verkehr, wie Metz erläutert. „Wir haben den Auftrag der Düsseldorfer Landesregierung, uns mit der sechsspurigen Erneuerung der Brücken Brunsbecke zwischen Hagen-Süd und Lüdenscheid-Nord und Rinsdorf bei Wilnsdorf zu beschäftigen.“

Und falls entschieden wird, die neue Rinsdorf-Brücke so neben der alten zu bauen, dass anschließend eine Verschwenkung der Fahrbahnen notwendig wird, muss auch die benachbarte Rälsbach-Brücke erneuert werden. Doch als nächste ist die Lennetal-Brücke bei Hagen dran, schon Ende des Jahres. Hier wird der Neubau seitlich in den alten Verlauf der A45 eingeschoben - das wäre Metz auch weiter im Süden am liebsten.

Am liebsten von Dortmund bis zum Gambacher Kreuz

Wenn die Brücken sechsspurig geplant werden, muss der übrige Teil angepasst werden - geht es nach den Interessenverbänden, dann am liebsten von Dortmund bis zum Gambacher Kreuz bei Gießen. Die Autofahrer und der Wirtschaftsverkehr werden sich also in den nächsten Jahren auf der A45 in großer Geduld üben müssen. „Es wird in den nächsten 30 Jahren zu Behinderungen kommen. Wichtig ist, dass daraus kein Verkehrskollaps wird“, betont Hans Stötzel.

Aber noch ist nichts in trockenen Tüchern. „Das Problem wird sein, die Brückenneubauten einschließlich des sechsspurigen Ausbaus vom Westhofener bis zum Gambacher Kreuz in den fortgeschriebenen Bundesverkehrswegeplan 2015 zu bekommen“, ahnt Jan Tornow. Ein 1,8-Milliarden-Euro-Projekt. Stefan Schreiber, Geschäftsführer des Verkehrsverbandes Westfalen und Mitglied einer Expertenrunde, die das Thema A45 am Montag im Hagener Arcadeon diskutiert, bringt es auf den Punkt. „Die A45 ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Wir haben nichts davon, wenn von 59 Brücken 55 im Plan sind.“

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