Ideale Pflege bleibt eine Illusion

Witten..  Pflege ist anstrengend. Die Pflege von Menschen mit Demenz erst recht. Das gilt für Profis wie Angehörige. Und beide kennen normalerweise die Standard-Weisheit: „Nur wer sich selbst pflegt, kann andere pflegen.“ Aber wie funktioniert Selbstpflege? Dazu hat Marcus Klug vom Dialog- und Transferzentrum Demenz (DZD) der Universität Witten/Herdecke ein Buch geschrieben. „Und wer fragt nach mir? Selbstmanagement in der Versorgung von Menschen mit Demenz“ heißt es und ist als E-Book kostenlos erhältlich.

Marcus Klug hat nie in einem Pflegeberuf gearbeitet. Aber seit mehr als zwei Jahren ist er beim DZD als Kommunikationswissenschaftler und Social Media Manager damit beschäftigt, Fachwissen an die Praktiker zu bringen und hat in dieser Zeit viele Probleme und Nöte beobachtet. Und dabei ist dem Experten für Selbstmanagement, der zusammen mit dem Philosophen Michael Lindner die Plattform für Veränderung und lebenslanges Lernen Digitalistbesser.org betreibt, etwas aufgefallen: „Die klassischen Methoden des Zeitmanagements, die in der Pflege-Fachliteratur noch empfohlen werden, funktionieren nicht mehr. Dafür haben sich das Arbeits- und Lebensumfeld zu stark geändert. Der entscheidende Faktor ist heute die Flexibilisierung.“

Eigene Werte analysieren

Deshalb klopft Klug Erkenntnisse der modernen Management-Literatur und Psychologie darauf ab, in wie weit sie hilfreich sein können, um einzelne Herausforderungen in der Versorgung von Menschen mit Demenz besser in den Griff zu bekommen: „Ich habe einen Transfer versucht.“ Das erscheint gar nicht so fernliegend, denn viele Probleme der modernen Arbeitswelt zeigen sich in der Demenz-Pflege besonders deutlich: Man müsste sich Zeit nehmen, um zuzuhören, hat aber keine. Der Demenzkranke braucht Routine und Sicherheit, den Job bestimmen Schichtdienst, Teilzeit, ständige Unterbrechungen und ausufernde Dokumentationspflichten, die 20 bis 30 Prozent der Arbeitszeit kosten. Dazu kommt das „anarchistische Element“ von Menschen mit Demenz, ihr unvorhersehbares Verhalten, zielloses Umherwandern, Aggressivität, Schreien oder Apathie.

„Die Vorstellung von Kontrolle bleibt hier eine Illusion“, sagt Marcus Klug. Daraus folgt: „Es genügt nicht, Prioritätenlisten aufzustellen und abzuarbeiten. ­Entscheidend ist, wie die Pflegenden ihre Gesundheit und Arbeitsmotivation erhalten und die Qualität von Beziehungen in der Pflege verbessern können. Und dazu müssen sie zunächst ihre eigenen Werte, Gewohnheiten und Ziele analysieren.“

Der Autor stellt vor allem zwei Methoden des Selbstmanagements vor: „Getting Things Done“ (GTD) - „Wie Sie die Dinge besser geregelt bekommen“ - nach David Allen und „Zen To Done“ (ZTD) nach Leo Babauta, eine minimalistischere Version davon. In beiden Fällen geht es um wirklich alle Dinge, die man geregelt bekommen will; es wird zunächst nicht zwischen Freizeit und Beruf unterschieden. Ziel ist es, den Alltag im Kopf so zu organisieren, dass sich die Gedanken nicht ständig überlappen, dass unerledigte Aufgaben die aktuellen Anforderungen nicht stören. Klug: „Man muss Gedanken abschließen. So lange Dinge nicht geklärt sind, beanspruchen sie viel Raum im Kopf und belasten. Insbesondere bei den vielen Herausforderungen in der Versorgung von ­Menschen mit Demenz ist es wichtig, das Gehirn so zu trainieren, dass Sie im Alltag mehr abschalten können.“

Die mentale Entlastung steht im Vordergrund des ganzheitlichen Selbstmanagements, das - statt lediglich Arbeitsabläufe zu optimieren - auch die Frage nach dem Status von Beziehungen, dem Sinn und der Balance von Körper und Geist beinhaltet.

Vieles übertragbar

Und was für gestresste Manager oder Kreative entwickelt wurde, passt auch für Pflegende? „Da ist vieles übertragbar“, sagt Marcus Klug, „aber in beiden Bereichen muss jeder herausfinden, welche Methode ihm am besten entspricht“. Erster Ansprechpartner seines E-Books, das aus einem Blog entstand, sind professionell Pflegende, aber auch pflegende Angehörige könnten profitieren, meint der Autor.

Bleiben die schwierigen äußeren Bedingungen: ein Betreuungsverhältnis von 1:10, eine wenig attraktive Bezahlung, eine lang versprochene und nicht verwirklichte große Pflegereform. Das würde Marcus Kluge auch gern ändern. Aber da stößt Selbstmanagement an seine Grenzen.

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