"Ich sammle alles, sehen Sie ja"

Foto: WNM

Oer-Erkenschwick. Das modernste in der Wohnung von Rainer Berkenhoff ist ein DVD-Player. Der steht auf einem Fernseher, und auch der ist noch relativ neu. Alles andere in der Wohnung stammt aus den 30ern, den 50ern - oder der DDR. "Ich sammle alles", sagt Berkenhoff, "sehen Sie ja."

Von seinem Onkel hat Rainer Berkenhoff in den 70er Jahren mal ein Radio geschenkt bekommen, Baujahr 1953, von Grundig. Aber so sehr alt war das ja Mitte der 70er Jahre auch noch nicht. Berkenhoff wollte mehr: "Also bin ich mit dem Rad auf den Dattelner Wochenmarkt gefahren und habe jede alte Oma und jeden alten Opa gefragt." Einer hatte tatsächlich so einen "schwarzen Kasten" - "Mensch, das such ich noch", dachte sich Berkenhoff. Und ein Volksempfänger bereicherte fortan die Mini-Sammlung. "So fing das damals an...", erinnert sich der Sammler.

Das erste Goggomobil für 1.000 Mark

Und so ging es weiter: An Sperrmülltagen radelte der Heranwachsende durch Datteln auf der Suche nach alten Schätzchen. 1980 kaufte sich Berkenhoff das erste Auto, "kurz vor der Führerscheinprüfung", ein Goggo Coupé, Baujahr 1959, für 1.000 Mark: "Mit dem Auto konnte ich dann etwas weiter herumfahren und Sperrmüll gucken", erzählt Berkenhoff: "Dann ging das richtig los." Auch wenn er es mit dem systematischen Sperrmüll-Stöbern irgendwann drangegeben hat. Wozu auch? "Den Sperrmüll der Welt kann ich nicht retten", meint Berkenhoff. Selbst wenn er noch so fleißig daran gearbeitet hat.

"Ich habe Zeit"

"Sie haben doch etwas Zeit?", fragt Berkenhoff, "ich habe nämlich auch Zeit." Und dann offenbart sich, wofür er DVD-Player und Video-Rekorder braucht. Berkenhoff schiebt eine Kassette ein: Im Rahmen einer Pro7-Reporte durchstöbert er im deutschen Osten Dachspeicher voller Trödel, für einen anderen Sender kurvt er bei einer Oldie-Rallye durch die Gegend oder bis in die DDR. Aber das beste: Berkenhoff marschiert in seinem Original-Kostüm der Kinder-Legende Pan Tau durch Prag - über die Karlsbrücke, an anderen Sehenswürdigkeiten vorbei, von Passanten bestaunt. Ein Griff in die Geheimtasche in der Jacke und Pan Tau/Berkenhoff zaubert den Zeppelin aus der Serie hervor.

Alter Hase im Fernseh-Geschäft

Im Fernseh-Geschäft ist Berkenhoff längst ein alter Hase. Die Aktuelle Stunde hat schon in den 80er Jahren eine Geschichte über seine Sammelwut gemacht. Andere Sender folgten. Er ist gerade von einer Reise nach Danzig zurück - Thema Trödeln - und wird demnächst erneut für einen Sender nach Prag aufbrechen - Thema Trödeln und Pan Tau. Vor Jahren schon hat Berkenhoff TV-Sender angeschrieben und auf sein Hobby hingewiesen - seither tauchen die Radios und Fernseher, die mehr oder weniger wertvollen historischen Stücke als Statisten in TV-Produktionen auf. Und selbst der Besitzer hat es schon auf einige Fernseh-Auftritte gebracht: Zweimal Balko, Folge 315 in der Lindenstraße, der Film "Staatsanwalt Posch ermittelt" mit Roberto Blanco.

Das Schlummerkissen von Elisabeth Volkmann

Die TV-Präsenz erklärt auch so manches skurriles Einzelstück in der "Sammlung": ein Schlummerkissen, mit dem Elisabeth Volkmann auf Touren einnickte. Überreicht bekam es Berkenhoff von Volkmanns Klimbim-Kollegin Ingrid Steeger, die bei ihm oft am Wohnzimmer-Tisch Platz nimmt. "Mein lieber Rainer, denk an Elisabeth Volkmann, wenn du auf dem Kissen schläfst. Deine Ingrid Steeger", steht auf dem Kissen, mit einem Herzchen über Steeger. Berkenhoff schläft allerdings nicht darauf.

Sandmännchen auf 50er-Jahre-Radios

In der Wohnung türmen und stapeln sich Sandmännchen auf 50er-Jahre-Radios, Staubsauger mit stählernen Saugaufsätzen. Kinderspielzeug steht in Vitrinen, an den Wänden hängen Kuckucksuhren. Eine DDR-Flagge hängt über einer Tür, im Badezimmer über der Wanne prangt ein Trabant-Schild. Auf einem Sessel tummeln sich Teddy-Bären, den größten hat Berkenhoff in Wernigerode auf dem Sperrmüll aufgegabelt. Im Raum nebenan steht ein russischer Fernseher aus dem Jahr 1948. "Ich habe auch Schellack-Platten aus den 30er Jahren", erzählt er nebenbei.

Vier Autos zählen mit zur "Sammlung"

Berkenhoff hat nicht seinen gesamten Besitzstand auf 90 Quadratmetern Wohnung verteilt. Angemietet hat der Frührentner außerdem fünf Garagen: In der hinter dem Haus steht sein DKW, Baujahr 1953, 600 Kubikmeter, "originalgetreu restauriert", betont Berkenhoff. Ebenso originalgetreu restauriert sind auch die anderen Vehikel: ein Trabi von 1962 und zwei Trabis von 1970, ein Kombi und ein Cabrio. Berkenhoff fährt den DKW nur kurz fürs Foto aus der Garage raus, das Wetter ist an diesem Tag nicht so überragend. Er steigt in einen Passat, ein Sammler-Treff am Tag darauf will noch organisiert werden.

Ein Ende der Sammel-Wut ist kaum in Sicht

Berkenhoff hält die Augen immer offen, ein Ende der Sammel-Wut ist nur bedingt in Sicht - einziges Hindernis ist der Platz. Trotzdem: "Wenn ich unterwegs bin, bringe ich immer etwas mit." Aus Danzig zurückgekehrt, hatte Berkenhoff russische Taschenradios im Gepäck und ein Koffer- und Schrankgrammophon von His Masters Voice. Einzige Bedingung für eine Neuanschaffung: "Es muss gefallen." Allenfalls mal auf dem Tauschmarkt trennt sich Berkenhoff tatsächlich einmal von einem seiner Schätzchen. Leerer wird es deshalb in der Wohnung nicht wirklich. Aber auf den Sperrmüll kommt nichts: "Ich habe mir die Sachen ja nicht besorgt, um sie dann wegzuschmeißen." Wegschmeißen tut der Mensch schließlich genug.

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