Hilfen beim

Gevelsberg. Links ein weißer , rechts ein schwarzer Strumpf. Zwei Jeans-Hosen übereinander. Das waren die ersten Anzeichen. Da ahnte Andrea Lensker, dass ihre Mutter nicht einfach nur vergesslich war. Nun pflegt sie die ältere Dame - abends nach der Arbeit.

Doch bis dahin war es eine lange und schwierige Zeit. Dabei hatte Andrea Lensker gleich über ihre Sorgen mit der Mutter gesprochen, die ebenfalls spürte, dass etwas nicht mehr in Ordnung war. Zwei Jahre lang begleitete Andrea Lensker ihre Mutter daraufhin von Arzt zu Arzt, bis endlich einer die Alzheimer-Erkrankung erkannte. Dabei hatte Andrea Lensker doch gleich beim ­ersten Termin von ihrem Verdacht auf Demenz gesprochen.

Die Odyssee kostete Andrea Lensker viel Zeit und Kraft. Sie hat ihren Urlaub dafür verbraucht, sich selbst in den vergangenen drei Jahren nur eine Woche über Weihnachten gegönnt, um sich beim Skifahren zu erholen.

Dabei hat Andrea Lensker Glück im Unglück, wie sie weiß: Sie arbeitet bei der Stadt Gevelsberg, hat eine Vollzeitstelle. Sie konnte dort Minus-Stunden ansammeln, um die Mutter zum Arzt zu fahren. Sie konnte Gleitzeit nehmen, um die ältere Dame wieder nach Hause zu bringen, wenn die plötzlich mittags verwirrt in der Behörde stand, um ihre Tochter zu besuchen.

Sie konnte auch vom Arbeitsplatz aus telefonieren, um mit der Krankenkasse über die Pflegestufe zu verhandeln. Was aber ist mit anderen Arbeitnehmern, Kassierern an der Supermarktkasse zum Beispiel, die keine Gelegenheit dazu haben, fragt sich Andrea Lensker. Was ist mit Arbeitern, die vielleicht eine riskante Maschine bedienen müssen, sich aber nicht mehr recht konzentrieren können, weil die Sorge um die Angehörigen an ihnen zehrt? Andrea Lensker haben die Kollegen im Büro, die Bescheid wussten, geholfen, wenn einmal etwas nicht gut lief, erinnert sie sich.

Und daher hat Andrea Lensker sich entschlossen, für die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf zu werben, hat ihr Gesicht für eine Kampagne des Netzwerks Wiedereinstieg (W) im Ennepe-Ruhr-Kreis hingehalten. „Ich pflege meine Mutter“, bekennt Andrea Lensker ganz offen auf einem Plakat mit ihrem Foto. Ziel der Kampagne ist es zum einen, den pflegenden Angehörigen Mut zu machen, über ihren täglichen Spagat zu reden und Hilfsangebote zu nutzen.

Zum anderen wollen die Initiatoren bei Unternehmen dafür werben, ihre Mitarbeiter zu unterstützen, erklärt Christa Beermann, Demografiebeauftragte des Ennepe-Ruhr-Kreises und Koordinatorin des Netzwerks W. So wie es beispielsweise Firmen wie die Gevelsberger AVU und die Hattinger Wohnungsgenossenschaft HWG bereits tun. Auch sie beteiligen sich an der Anzeigenkampagne mit dem Bekenntnis: „Sie pflegen? Wir unterstützen Sie.“

Wie Betriebe ihren Mitarbeitern helfen können, das sei von Fall zu Fall verschieden, so Christa Beermann. Etwas tun müssten sie aber: Dass Mitarbeiter ihren Job aufgeben oder ausfallen, weil sie aufgrund der Belastung krank werden oder wegen ihrer Sorgen unkonzentriert arbeiten, komme die Unternehmen teuer, rechnet sie vor.

Es seien oftmals schon Kleinigkeiten, die nützten. Das könne manchmal schon ein reservierter Parkplatz sein für diejenigen, die abgehetzt zur Arbeit kommen, weil sie morgens noch die Mutter oder den Vater waschen müssen.

Oder vielleicht auch für die, die abends schnell wegmüssen, weil sie wie Andrea Lensker noch eine Angehörige besuchen wollen. Ihre Mutter lebt nun in einer Wohngruppe. Jeden Nachmittag fährt Andrea Lensker bei ihr vorbei, geht mit ihr spazieren, spielt oder singt mit ihr. Sie kauft für sie ein. Sie macht ihr die Wäsche, begleitet sie nach wie vor zu den Ärzten. Um dann nach Hause zu gehen, dort zu kochen, putzen, waschen. Um nach dem 16-jährigen Pflegekind zu sehen und nach den Schwiegereltern, die bereits über 80 Jahre alt sind - und auch Hilfe brauchen.

„Es ist ihr ein Trost, dass meine Mutter körperlich topfit ist“, sagt Andrea Lensker. „Sie hat keine Schmerzen.“

 
 

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