Generationenwechsel auf der Kanzel in Iserlohn

Andreas Thiemann
Pfr. i. R. Werner Tiffert (l.) und Pfr. Tom Mindemann in der Iserlohner Johanneskirche
Pfr. i. R. Werner Tiffert (l.) und Pfr. Tom Mindemann in der Iserlohner Johanneskirche
Foto: wp
  • Generationenwechsel auf der Kanzel
  • Zwei evangelische Theologen bereiten ihre Weihnachtspredigt vor
  • Dieses Jahr wird im Gottesdienst „knisternde Spannung“ erwartet

Iserlohn. Generationenwechsel auf der Kanzel: Nach 30 Jahren wird Heiligabend erstmals nicht mehr Pfarrer i. R. Werner Tiffert die Christvesper in der Iserlohner Johanneskirche halten. Jetzt hat sein Nachfolger, der 33-jährige Tom Mindemann, dort seine Weihnachtspremiere.

Gleich drei Gottesdienste wird der junge Theologe am 24. Dezember stemmen müssen: Um 14 Uhr für Familien, um 16 Uhr in der Nachbargemeinde und schließlich um 18 Uhr die Christvesper. Die wird natürlich, wie schon bei Pfr. Tiffert, mit einem gefühlsintensiven „O du fröhliche“ enden, das hat der „Neue“ fest versprochen. Dagegen mag er das „Stille Nacht“ nicht so sehr; es sei ihm doch ein wenig zu kitschig, räumt Mindemann ein.

AdventUnd die Predigt? „Die alte Weihnachtsgeschichte, aber neu erzählt“, sagt Pfr. Mindemann. Und dass er erst heute mit dem Predigtschreiben beginnen wird, das fügt er noch hinzu. Da liegt er auf einer Wellenlänge mit seinem Vorgänger: „Ich habe immer erst ganz kurz vorher mit dem Schreiben begonnen; es kann ja doch noch etwas passieren, was man berücksichtigen muss. Die Menschen hören sehr aufmerksam zu und merken, ob man nah dran ist, ob man auf Aktuelles eingeht.“

Die Kirchen werden besonders voll

Eigentlich hatte der Pfarrer im Ruhestand keinen Weihnachtsgottesdienst machen wollen, aber dann hat ihn doch wieder dieses Kribbeln ergriffen, und jetzt wird er in einem anderen Iserlohner Ortsteil als Vertretung predigen: „Ich bin sicher, dass die Kirchen in diesem Jahr ganz besonders voll sein werden, es wird eine knisternde Spannung sein“, ist sich Pfr. Tiffert ganz sicher.

Beide Theologen werden das für den Heiligen Abend vorgegebene Wort aus Titus II: „Denn es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen“ aufgreifen und sie sind sich ebenfalls einig: „Die Predigt soll den Leuten gut tun. Es kann soll schön werden. Ärgern soll sich niemand“, so Pfr. Tiffert. Und Pfr. Mindemann ergänzt: „Ich möchte gute Unterhaltung bieten. Nicht im Sinne von Stefan Raab, sondern eher wie bei einem fruchtbaren Gespräch.“

Pfr. i. R. Tiffert war in den vergangenen Jahrzehnten für seine Überraschungen auf der Kanzel bekannt und beliebt. Zu seiner ersten Predigt in Iserlohn brachte er eine Apfelsine mit: „Das war damals ganz toll. Das hatte noch keiner vor mir gemacht.“

Wenn eine Predigt wirklich gelingt

Eine Kerze, eine Aktentasche, ein minutenlanges Schweigen – Werner Tiffert fiel immer wieder Neues ein: „Man muss Spannungsmomente schaffen. Wenn das zu Beginn gelingt, kann man gut zehn Minuten Aufmerksamkeit aufbauen.“ Und Pfarrer Lindemann? Baut er auch auf originelle Einfälle? „Ich bin schon einmal im wehenden Talar quer durch die Kirche gerannt, um auf diese Weise die Geschichte vom verlorenen Sohn einzuleiten“, erinnert er sich. Jetzt, zur ersten Christvesper in der eigenen Gemeinde, wird er auf Spektakuläres verzichten: „Die Gemeinde muss mich ja erst einmal kennenlernen. Deshalb mache ich auch alle drei Gottesdienste selbst. Da muss ich mich einfach vorstellen. Und Weihnachten ist dazu die beste Gelegenheit.“

Nein, die Christvesper wird dieses Jahr nicht leicht, auch darüber gibt es theologischen Konsens über den Generationwechsel hinweg: „In derart krisenhaften Zeiten erwarten die Menschen etwas Besonderes“, weiß Pfr. Tiffert. Und Tom Mindemann, der gerade seine ersten 100 Tage im Pfarramt hinter sich hat, ergänzt: „Natürlich bin ich etwas aufgeregt. 600 Menschen in einem Gottesdienst, das ist schon eine Herausforderung.

Noch eines möchte Pfr. i.R. Tiffert zur Christvesper sagen: „Heiligabend geht es nicht um ein ,Wir schaffen das’, sondern darum, dass wir als Christen etwas geschenkt bekommen. Dass wir aufatmen können, unabhängig von dem, was in der Welt passiert.“

Aber wann ist eine Predigt überhaupt gelungen? Dazu der erfahrene Theologe Tiffert: „Einmal ist ein Konfirmand nach dem Gottesdienst zu mir gekommen und hat gesagt: ,Herr Pastor, das war eine geile Predigt.’ Für mich war das eine Sternstunde. Großartig!“