Ganztagsschulen unterfinanziert: „Ein fünfstelliges Minus“

Mittagessen in einer Ganztagsschule. Die Betrrung an den Grundschulen ist unterfinanziert, sagen die Träger und warnen vor einem Kollaps.
Mittagessen in einer Ganztagsschule. Die Betrrung an den Grundschulen ist unterfinanziert, sagen die Träger und warnen vor einem Kollaps.
Foto: Franziska Kraufmann/dpa
  • Die offene Ganztagsschule kostet die Träger mehr als Land und Kommunen dafür bezahlen.
  • Für den Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) in Arnsberg bleibt ein fünfstelliges Minus.
  • Dabei wird schon gespart, wo es nur geht.

Arnsberg/Hagen.  Es sei, sagt Marietta Völlmecke, schon eine „sehr wertvolle Aufgabe“. Schließlich geht es um Kinder. So wertvoll ist ihr diese Arbeit offenbar, dass sie derzeit draufzahlt. Denn die offene Ganztagsschule (OGS) ist in NRW unterfinanziert. Für Marietta Völlmecke, Abteilungsleiterin beim Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) in Arnsberg, bleibt „ein fünfstelliges Defizit“.

„Die offene Ganztagsschule in NRW steht vor dem Kollaps“ hat ein anderer freier Träger, die Arbeiterwohlfahrt, vor Kurzem erst gewarnt. Und Marietta Völlmecke kann vorrechnen, warum das so ist. 994 Euro gibt das Land NRW pro Jahr pro Kind. Auf 435 Euro beläuft sich der Pflichtbeitrag der Kommune. Macht im Jahr 1429 Euro pro Kind. Davon gehen noch einmal 5 Prozent ab, die die Kommune für die Ferienbetreuung einbehält. Tatsächlich belaufen sich beim SkF die Kosten auf etwa 1980 Euro (49 500 Euro pro Gruppe à 25 Kinder). Zumindest in der Planung, „die aufgrund der knappen Finanzmittel nicht 1:1 umgesetzt werden kann“, sagt Marietta Völlmecke.

Wobei 1980 Euro ohnehin äußerst sparsam kalkuliert sind. So hat die Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege in NRW sogar Kosten in Höhe von 3075,18 Euro pro Platz errechnet.

Für Marietta Völlmecke bliebe also planerisch ein Defizit von mehr als 500 Euro pro Kind – wenn die Stadt Arnsberg nicht freiwillig mehr zahlte. Arnsberg gehört dem Stärkungspakt Stadtfinanzen an. Das Land fordert der Kommune strikte Sparmaßnahmen ab, damit sie bis 2020 aus eigener Kraft den Haushaltsausgleich erreicht.

Dennoch hat die Kommune zusätzliche Gelder in den Etat eingestellt. Wie viel der SkF davon bekommt, steht noch nicht fest. Zudem zahlt Arnsberg pro Kind 100 Euro für die Finanzierung der Essenskräfte. Wie Arnsberg geben die meisten Kommunen über den Pflichtbeitrag hinaus eine freiwillige Leistung. „Die Höhe des Zuschusses schwankt zwischen 0 und 1771 Euro“, teilt die Awo mit. „Der Durchschnitt liegt in NRW bei 460 Euro pro Schulkind und Jahr.“

Trotz der Hilfe der Stadt bleibt für den SkF noch ein deutliches Minus pro Gruppe. 17 Gruppen sind es insgesamt in der Stadt. Wenn es der Zuschnitt der Räume erlaube und mehrere Gruppen auf dem Flur nebeneinander liegen, dann könne sie in manchen Gruppen eine Ergänzungskraft einsparen und die Lücke etwas reduzieren, sagt Marietta Völlmecke. Oder es gelingt ihr, günstige Praktikanten zu gewinnen. Denn anders als in den Kindergärten ist für die OGS kein Personalschlüssel gesetzlich festgelegt. Beim SkF in Arnsberg leitet eine pädagogische Fachkraft die Gruppe. Hinzu kommen pro Gruppe Ergänzungskräfte und Ehrenamtler, auch Nichtfachkräfte zum Beispiel mit kaufmännischer Ausbildung, „die wir für geeignet halten und die wir weiter fortbilden“, betont Marietta Völlmecke.

Licht am Ende des Tunnels

Doch auch zusätzliche Sparmaßnahmen helfen nur begrenzt: Am Ende des Jahres bleibt das fünfstellige Minus. Ausgeglichen wird der Fehlbetrag aus Eigenmitteln des SkF. In Zukunft, so hat die Stadt in Aussicht gestellt, werde Arnsberg die zusätzlichen Mittel jährlich erhöhen, „so dass in ein paar Jahren mit einer kostendeckenden Finanzierung zu rechnen ist“, hofft Marietta Völlmecke. „Wenn wir diese Perspektive nicht hätten, könnten wir nicht weitermachen.“

Weiter machen mit dem „Sparmodell“ wohlgemerkt, wie Marietta Völlmecke es selbst nennt. Denn besser wäre es für die Schüler, es gäbe in jeder Gruppe eine zweite Fachkraft. „Dann hätten die Kinder zwei feste Ansprechpartner, statt wechselnde Betreuer“, sagt sie. Besser wäre ein Stundenschlüssel, in dem Fortbildungen, Elterngespräche und Gespräche der Gruppenleiter mit Lehrern einkalkuliert wären. Besser wären mehr Ruheräume für die Kinder: „Sie sind acht Stunden täglich in der Schule, länger als die Lehrer und Betreuer“, gibt Marietta Völlmecke zu bedenken. Aber das Land gibt auch keine Standards für Räume oder Sachausstattung vor. „Wenn das Land Qualitätsstandards setzt, müsste es diese auch finanzieren“, sagt Marietta Völlmecke.

Keine Chancengleichheit

„Die Qualität der Ganztagsschule“, klagt die Awo in NRW an, „hängt also vorrangig von den freiwilligen Leistungen der Kommunen ab.“ Chancengleichheit sieht wohl anders aus.

 
 

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