Gab es den Stern von Bethlehem?

Rudi Pistilli
Der Leiter des Planetariums im LWL-Museum für Naturkunde in Münster, Björn Voss steht vor einer Abbildung, die in der Mitte die Milchstraße zeigt.
Der Leiter des Planetariums im LWL-Museum für Naturkunde in Münster, Björn Voss steht vor einer Abbildung, die in der Mitte die Milchstraße zeigt.
Foto: Volker Hartmann
  • Giotto und Kepler irrten sich
  • Jesus erblickte vor unserer Zeitrechnung das Licht der Welt
  • Theologie und Naturwissenschaften nähern sich an

Hagen/Münster.  Zu vielen Sternen können Astronomen Geschichten erzählen. Das gilt auch für den Stern von Bethlehem, der den drei Weisen aus dem Morgenland den Weg zur Geburt von Jesus Christus gewiesen haben soll. Aber hat es ihn wirklich gegeben? Dr. Björn Voss (39), Leiter des Planetariums im LWL-Museum für Naturkunde Münster, betrachtet den Weihnachtsstern mit einem wissenschaftlichen Blick. Ein Interview über die Theorien zum biblischen Phänomen.

Was wies den Heiligen Drei Königen den Weg: ein Komet, ein explodierender Stern oder eine besondere Planetenkonstellation?

Björn Voss: Seit Giotto (di Bondone aus Florenz 1303 auf einem Fresco in Padua, Anmerkung der Redaktion) über der Krippe einen Kometen malte, war der Stern von Bethlehem, wie wir ihn kennen, geboren. Johannes Kepler beobachtete 1604 einen explodierenden Stern am Abendhimmel, eine sogenannte Supernova und brachte diese mit dem Stern von Bethlehem in Verbindung. Derzeit wissen wir: All das kann es nicht gewesen sein. Simulieren wir heute, wie der Himmel zum fraglichen Zeitpunkt aussah, entdeckt man – nichts Ungewöhnliches. Am realistischsten ist daher eine Planetenkonstellation, zum Beispiel ein Zusammentreffen von Jupiter und Saturn sieben Jahre vor Christi Geburt. Das ist die plausibelste Erklärung.

Sieben Jahre vor Christi Geburt?

Ja, ein pikantes Detail: Moderner Astronomie zufolge gab es zu diesem Zeitpunkt tatsächlich ein Zusammentreffen der beiden Riesenplaneten. Das heißt aber nicht, dass unsere Zeitrechnung falsch ist. Es besagt nur, dass die Konstellation, die wohl für den Stern steht, einige Jahre vor Christi Geburt stattfand. Seit den 1980er Jahren wird diese Theorie von vielen Astronomen bevorzugt.

Wozu dient dann der womöglich erfundene Weihnachtsstern?

Der Verfasser des Matthäus-Evangeliums wusste vermutlich zwei Dinge, als er Jahrzehnte nach dem eigentlichen ­Ereignis die Geburt Jesu niederschrieb: Es hatte eine ungewöhnliche Planetenkonstellation gegeben und im Morgenland lebten Sternendeuter. Sein Ziel war, die ­biblische Botschaft zu verbreiten – und dafür brauchte es akzeptanzfördernde Mittel. Der Autor des Matthäus-Evangeliums wollte Jesus als den Messias präsentieren, der im Alten Testament in einem Atemzug mit einem Stern angekündigt worden war. Die biblische Geschichte ist symbolisch zu verstehen.

Wie können Forscher wissen, wie die Planetenkonstellation zur damaligen Zeit aussah?

Sterne bilden Sternenbilder – und die verändern sich auch über Jahrtausende kaum. Der Große Wagen sah selbst zur Zeit der Neandertaler nur ein wenig anders aus. Aber die Planeten laufen durch die Sternenbilder. Früher glaubte man an ein himmlisches Uhrwerk. Heute können wir die Planeten-Bahnen genau berechnen, auch zurück in die Vergangenheit. Deshalb können wir im Planetarium auch die Stellung der Planeten sieben Jahre vor Christi Geburt zeigen.

Und die Heiligen Drei Könige?

Es waren vermutlich keine Könige. Der Evangelist dachte womöglich an weise Männer aus dem Morgenland, höchstwahrscheinlich aus Mesopotamien. Naheliegend auch, dass sie Angehörige des babylonischen Sternenglaubens waren, die einzelne Planeten nach Göttern benannten. Dort liegen übrigens die Wurzeln unserer heutigen Astrologie.

Theologie und Naturwissenschaft – ein Widerspruch in sich?

Ich sehe zwischen Naturwissenschaften und Theologie keinen Widerspruch. Es sind zwei Gedankenwelten, die unterschiedliche Aspekte menschlichen Seins behandeln. Naturwissenschaftler wissen, dass nicht alle Regungen der Welt und der Menschen messbar sind. Theologen akzeptieren immer öfter die Beschreibungen der Natur durch Naturwissenschaftler. Galileo Galilei wurde 1992 durch Johannes Paul II. rehabilitiert – da entwickelt sich etwas.

Spielt der Weihnachtsstern bei Ihnen privat eine Rolle. Zum Beispiel als Dekoration in der Adventszeit?

Auf den Christbaum kommt auch bei mit ein Weihnachtsstern.