Für Uni-Professor Priddat war die Industrie nie so wertvoll wie heute

Es arbeiten weniger Menschen in der Industrie als früher. Aber die Bedeutung für die Gesellschaft bleibt.
Es arbeiten weniger Menschen in der Industrie als früher. Aber die Bedeutung für die Gesellschaft bleibt.
Foto: Knut Vahlensieck
Birger Priddat, Professor für Politische Ökonomie an der Uni Witten Herdecke hat ein Buch herausgegeben, in dem er die These vom Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft für nicht haltbar erklärt.

Witten/Herdecke.. Das viel beschworene Ende der Industriegesellschaft - völliger Quatsch. So salopp würde es Birger Priddat vielleicht sagen, wenn er nicht Wissenschaftler wäre. Deshalb formuliert der Professor für Politische Ökonomie an der Universität Witten/Herdecke gewählter, aber glasklar: „Sich eine Gesellschaft vorzustellen, in der keine Waren mehr hergestellt werden, ist nicht möglich. Die These vom Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft ist nicht haltbar.“ Im Gegenteil: „Die Industrie erweist sich nicht nur als erstaunlich widerständig gegen alle Versuche, ihr Ende herbeizureden, sie hat ihre Zukunft noch vor sich.“

Die Maschinisierung wächst

„Die Modernität der Industrie“ heißt dementsprechend das Buch, das Priddat jetzt herausgegeben hat (Metropolis-Verlag, Marburg, 400 Seiten, 29,80 Euro) und in dem 20 Autoren die These von der Ablösung der Industrie durch die Dienstleistung zum Mythos erklären.

Das stößt heute auf offenere Ohren als noch vor ein paar Jahren. Da galt Deutschland als rückständig im Vergleich etwa zu Großbritannien, wo die Finanzwirtschaft hochgejubelt wurde. Aber jetzt, in der Krise, hat sich das industrielle Rückgrat als deutsche Stärke erwiesen. Neu daran ist aber nur die Erkenntnis, nicht die Tatsache: „Es war auch schon vor zehn Jahren die Industrie, die Jobs und Wohlstand in Deutschland gesichert hat. Und es war die Industrie, die mit ihrer Nachfrage zahlreiche Dienstleistungen erst hat entstehen und wachsen lassen“, schreibt Wolfgang Goos, Hauptgeschäftsführer des Bundesarbeitgeberverbands Chemie.

Die anhaltenden Exporterfolge, auch zurückzuführen auf einen großen, gesunden Mittelstand wie in Südwestfalen, bestätigen Priddat zwar. Aber das genügt ihm nicht. Er vermisst den korrekten Blick auf die Gegenwart: „Wenn die Schlote nicht mehr qualmen und keine Arbeitermassen durch Werkstore strömen, heißt das ja nicht, dass keine Maschinen mehr gebraucht würden.“ Tatsächlich nehme die Maschinisierung der Gesellschaft zu und erfasse Bereiche, die bislang der Dienstleistung zugerechnet würden - etwa im Gesundheitswesen. Wie will man das trennen, fragt Priddat: „Wenn eine Firma eine Kühlhalle nach Singapur verkauft, samt Service und Reparaturen für zehn Jahre - ist das Industrie oder Dienstleistung?“ IT? „Die meisten Informationsprozesse laufen auf industriell produzierten Maschinen.“

Und wenn er auf die großen Zukunftsthemen schaut, auf Klima, Verkehr, Energie, Ökologie, Wasser, dann erwartet der 62-Jährige sogar eine Renaissance der Industrie: „Wir brauchen gigantische Reparaturmaßnahmen. Das alles lässt sich nicht durch Reden bewältigen. Die Industrie ist die große Problemlöserin.“ Gehört für ihn auch Forschung zur Industrie? Zu großen Teilen schon: „Alle angewandte Wissenschaft ist Industrie.“ Zudem werde Industriearbeit in die Gesellschaft hineinverlagert: Der Kunde drucke Dokumente, die er am Rechner erzeuge, selbst aus. Er könne ein Auto am Computer konfigurieren. „Und bald werden wir 3D-Drucker haben, die Produkte aus Hartplastik im Privathaushalt erzeugen: die Mini-Fabrik in der Wohnung.“ Später werde das sogar mit Metall möglich sein.

Die Wertschöpfung bleibt

Verschwunden ist nur die einfache Industriearbeit. „Im Stahlwerk Witten haben einmal 12.000 Menschen gearbeitet“, sagt Birger Priddat. „Heute sind 1200 deutlich produktiver.“ Manche Tätigkeiten sind in andere Länder abgewandert - „aber die Wertschöpfung findet hier statt“, betont der Wirtschaftswissenschaftler. Und damit die Voraussetzung für Innovationen.

Erledigt hat sich auch das Prinzip der Massenproduktion, das darauf basierte, große Angebote auf den Markt zu werfen und auf Nachfrage zu hoffen. Heute würden individuelle Kundenwünsche berücksichtigt - was die Indus­trie zum Dienstleister macht. Und zum Auftraggeber für die Wissensgesellschaft, zum Beförderer der Bildungsgesellschaft.

Priddat fordert Ausbau der MINT-Fächer an den Schulen

Dass heute in Deutschland nur 15 Prozent der Beschäftigten direkt in der Industrie tätig sind, erwähnt Priddat nebenbei. Das ist ihm nicht so wichtig. Weil sowieso überall Industrie drinsteckt. Was ist ihm denn dann wichtig? Weiter eine gesunde Industriepolitik, genügend Ingenieure, der Ausbau der MINT-Fächer an den Schulen. „Da entsteht schon ein neues Bewusstsein.“ Das stimmt ihn optimistisch. Manche Erkenntnisse setzen sich eben durch. Wie diese: „Bei der Gestaltung unserer Zukunft sollten wir lieber nicht auf die Banken setzen.“

 
 

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