„Frauen sind mit viel mehr Moral ausgestattet“

Der Verkehrspsychologe Michael Haeser (62) aus Duisburg hat berufsbedingt mit notorischen Rasern zu tun. Er sagt, dass sich 90 Prozent der Menschen im Straßenverkehr umsichtig verhalten. „Unser Problem sind die anderen zehn Prozent.“ Manche davon sitzen später in seiner Praxis.

1 Täter, die sich auf dem Asphalt hochschaukeln, ist das ein männliches Phänomen?

Ja, fast ausschließlich. Frauen haben meiner Erfahrung nach eine weitaus höhere Aggressionsschwelle, sie sind mit sehr viel mehr Moral ausgestattet. Frauen lassen sich auf einen Kurzsprint ein, aber sie gehen recht schnell vom Gas.

2 Wie kommt es zu Aggression auf der Straße?

Ich stehe vor der Ampel, das Auto nebenan gefällt mir oder nicht. Es gibt Blickkontakt, ich will zeigen, dass mein Auto das schönere, das schnellere ist. Und dann packt mich die Lust am schnellen Fahren. Wie im Rausch gebe ich weiter Gas. Ohne Rücksicht auf Fußgänger, Radfahrer oder andere Fahrer. Sie sehen, einen nachvollziehbaren Grund gibt’s nicht. Aggression gibt es überall. In der Kneipe, aber auch vor der Ampel.

3 Welchen Tipp haben Sie für ­Eltern oder Partner, die einen Raser in der Familie haben?

Sehr häufig kommen Eltern mit genau dieser Frage zu mir. Treten Sie geschlossen auf. Sagen Sie Ihrem Familienmitglied, dass er ein guter Mensch ist und dass Sie sich Sorgen machen. Weisen Sie ihn auf die Gefahren hin, dass Menschen sterben können. Einer allein kann dort leider wenig ausrichten.

4 Ändert sich das Verhalten von Tätern nach Unfällen?

Unfälle hinterlassen alle in einem Trauma – Opfer, Hinterbliebene und die Täter. Die meisten ändern ihr Verhalten. Sie fahren vorsichtiger, manche gar nicht mehr. Es gibt aber auch Täter wie den so genannten Westerwald-Raser. Er blieb lange uneinsichtig. Der Mann streifte 2009 mit seiner Corvette zwei Mädchen auf einem Roller. Eines starb, das andere ist querschnittsgelähmt. Er war viel zu schnell. Das war meine schwerste Arbeit, diesen Mann zu knacken. Schließlich weinte er. Der Mensch kam zum Vorschein.

5 Das Auto hinter mir blinkt links, fährt auf. Sollte ich kurz auf die Bremse treten, um den Drängler zu erziehen?

Niemals! Damit machen Sie sich zu einem Komplizen dieses Verhaltens. Wechseln Sie nach rechts, und schauen Sie dem Auto nach. Mit dem guten Gefühl: Er wird mit dieser Fahrweise gestresst und nur wenige Minuten schneller ankommen.