Feldforschung vom Straßencafé aus

Harald Ries
In der Mittagspause kommt Carmen Breuer noch selbst zum Trainieren. Fürs Foto tut sie nur so.
In der Mittagspause kommt Carmen Breuer noch selbst zum Trainieren. Fürs Foto tut sie nur so.
Foto: WP
Carmen Breuer hat sich mit einem Fitness-Studio für Frauen in Attendorn selbstständig gemacht.

Attendorn.  Rückblickend wirkt das naheliegend bis zwangsläufig: Carmen Breuer ist sportlich, sportbegeistert und sportpädagogisch engagiert. 15 Jahre lang hat sie Kurse in Fitnessstudios und Vereinen gegeben. Nebenbei. Hauptberuflich war die gelernte Industriekauffrau aus Wenden in einem Industriebetrieb als Assistentin der Geschäftsleitung tätig. Und fügt man das zusammen, die Sport- und die Wirtschaftskompetenz, dann ist es eigentlich nicht erstaunlich, dass die 36-Jährige ein Sportstudio für Frauen führt: Mrs.Sporty in Attendorn.

Aber so selbstverständlich war das für Carmen Breuer ganz und gar nicht. Sie ist ein vorsichtiger Mensch, der sich nicht Hals über Kopf ins Abenteuer stürzt. Es musste schon einiges zusammenkommen, bevor sie den Schritt in die Selbstständigkeit wagte. In ihrem Fall war das einerseits das Gefühl, beruflich an eine Grenze gestoßen zu sein, nicht mehr weiterzukommen. „Es war wie Fahren mit angezogener Handbremse“, sagt sie heute in ihrem pink gestylten Innenstadt-Studio. Zum zweiten mussten die Voraussetzungen stimmen. Und das Konzept für ein reines Frauenstudio mit persönlicher Betreuung, in dem 2-3 Mal eine halbe Stunde pro Woche ausreicht, hat sie überzeugt. Also ist sie im November 2010 zu Mrs.Sporty nach Berlin gefahren und hat sich beworben.

Die Kette mit ihren 530 Clubs ist im Franchise-System organisiert. Das heißt: Der einzelne Unternehmer bezahlt eine Einstiegsgebühr und eine Umsatzbeteiligung und erfüllt alle Vorgaben, die ein Handbuch auflistet. Dafür bekommt er ein fertiges Konzept. Und das Entscheidende: „Ich nutze eine bekannte Marke“, sagt Carmen Breuer.

Nun stehen aber nicht alle Franchise-Geber in einem guten Ruf. Also hat sich die künftige Inhaberin gründlich über Mrs.Sporty erkundigt und hat andere Studios in anderen Städten besucht. Mit positivem Ergebnis. Dann hat sie eine Clubmanagement Ausbildung bei der Mrs.Sporty Academy in Berlin absolviert und die Trainer-B-Lizenz erworben. Und hätte loslegen können? Noch nicht. Carmen Breuer: „Ich bin eben der konservative Typ.“

Also hat sie den Existenzgründer-Kurs der IHK besucht und hat sich nicht von der Prognose schocken lassen, dass jeder zweite scheitern werde. Denn sie hatte schon den schlimmsten Fall durchgerechnet. Sie hat sehr viel Zeit auf die Wahl des Standorts verwandt: „Wenden ist zu klein, in Olpe und Siegen gibt es schon Mrs.Sporty Clubs.“ Und in Attendorn hat sie sich einen Nachmittag ins Café gesetzt, um zu schauen, wie viele Menschen vorbeilaufen und wie hoch der Frauenanteil ist. Feldforschung eben. Sie hat mit dem Bürgermeister Kontakt aufgenommen. Gründliche Vorbereitung, die sich schnell auszahlte, als sie vor einem Jahr eröffnete. „Schon Ende Oktober, Anfang November war die angestrebte Mindest-Kundenzahl erreicht.“

Im Juli wurde umgebaut und die Fläche erweitert, seit Anfang August gibt es eine Auszubildende, wodurch die Zahl der Mitarbeiter auf fünf gestiegen ist. Carmen Breuer ist zufrieden. „Meine größte Motivation ist die Freude der trainierenden Frauen über ihren Erfolg.“ Es läuft also alles nach Plan. Was den Business-Plan angeht schon. Aber Überraschungen gibt es immer. „Man steht jeden Tag unter Druck“, sagt die Unternehmerin. „Man soll auf jedem Fall stressresistent sein.“

Was ist ihr denn schwergefallen? „Der Rollenwechsel von der Mitarbeiterin zur Chefin. Wenn man immer lieb und nett ist, wird das ausgenutzt.“ Und die Arbeit sei dann doch noch mehr gewesen, als sie gedacht habe. Die ersten Monate nach Geschäftseröffnung täglich mehreren Stunden im Studio, dann zu Hause Büroarbeit. „Sonntags habe ich dann immer erst gespürt, was ich geschafft habe. Aber das wird besser bzw. ich arbeite daran. Mittlerweile kann ich mehr an mein Team abgeben – und meine Freizeit auch mal flexibel gestalten.“

So bleibt inzwischen auch wieder etwas Zeit für ein Privatleben. „Bei einer Existenzgründung muss man schon aufpassen, dass man Freunde und Familie nicht völlig aus den Augen verliert.“ Das sei schon schwierig. Hat sie denn überhaupt noch Zeit, um selbst Sport zu treiben? „Natürlich: In der Mittagspause, wenn der Club geschlossen ist.“ Ein hartes Leben? Carmen Breuer ist sich sicher: „ Ich liebe meine Arbeit. Ich würde es immer wieder machen.“ Weil sie die richtigen Voraussetzungen mitbringt: „Ohne kaufmännisches Grundwissen wäre es schon schwierig, im Alltag klarzukommen.“