Erstmals in Westfalen eine Jugendkirche auf Zeit

Jugendkirche für einen Monat organisiert der Evangelische Kirchenkreis in Altena.
Jugendkirche für einen Monat organisiert der Evangelische Kirchenkreis in Altena.
Foto: wp
Es handelt sich um ein Experiment. Ambitioniert geplant, aufwändig umgesetzt - und doch mit ungewissem Ausgang. Erstmals überhaupt in Westfalen organisiert der Evangelische Kirchenkreis Iserlohn einen Monat lang eine Jugendkirche auf Zeit in Altena.

Altena/Iserlohn.. Ausgewählt wurde dafür die Mühlendorf-Kirche in Altena, wo nun jeden Tag zwischen 15 Uhr und 20 Uhr ein Programm angeboten wird, das junge Leute selbst entwickelt haben. „Wenn es funktioniert und Sinn macht, wollen wir künftig jedes Jahr in einer anderen Gemeinde eine solche Jugendkirche einrichten“, erklärt der Geschäftsführer des Iserlohner Jugendreferats, Erich Reinke, den Modellcharakter des Projekts, das Jugendliche aus dem ganzen Kirchenkreis ansprechen und nach Altena locken will.

An diesem Nachmittag sind Konfirmandengruppen aus Menden gekommen. Für sie wird in den verschiedenen Räumen des Gemeindehauses, direkt unter der Kirche, eine breites Betätigungsspektrum angeboten: Kicker und Billard, Bastelrunden, Facebook-Einführung, Holzarbeiten und eine Bistro-Bar mit Snacks, Keksen und Getränken zu kleinen Preisen.

Gegen 18 Uhr gibt es eine Andacht, der Kirchenraum steht während der ganzen Zeit ohnehin zur Besinnung und zum Innehalten offen. Hier kann man auch an eine „Klagemauer“ Zettel mit Wünschen und Ärgernissen anpinnen. „Weniger Mobbing“, „mehr Kontakt innerhalb meiner Familie“, „den Ärger mit Freunden beenden“, heißt es da beispielsweise.

Zwischen 30 und 100 Jugendliche kommen täglich

Ein paar Kerzen sind angezündet, Sitzkissen im Altarraum laden zum Verweilen ein. Zwischen 30 und 100 Jugendliche kommen täglich. Pastorin Merle Vokkert, die gerade erst eine Beerdigung hinter sich hat, hat das weiße T-Shirt gegen den schwarzen Talar getauscht und steht nun ganz den jungen Bedürfnissen zur Verfügung. Tee kochen, Kuchen aufschneiden, Kickerrunden zusammenbringen, Scheinwerfer auf der Bühne einschalten - „Was wir hier machen, ist einfach ein Versuch. Wir müssen sehen, wie es ankommt“, strahlt die Theologin eine verhaltene Euphorie aus. Auch Erich Reinke will erst einmal die Bilanz in drei Wochen abwarten, doch der leitende Jugendreferent ist Berufsoptimist: „Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir das weitermachen werden.“

Elf Haupt- und Ehrenamtliche sind ständig im Einsatz, um zu koordinieren, um Ansprechpartner, um Anlaufstelle für große und kleine Fragen und Kümmernisse, aber auch neue Ideen und Verbesserungsvorschläge zu sein. Jugendreferent Jörg Chilla betont: „Die jungen Leute haben nicht nur das täglich wechselnde Programm selbst ausgesucht, sie haben auch über die Bespielung und Möblierung der einzelnen Räume entschieden. Es ist eben ihre Kirche auf Zeit, es ist eine echte Jugendkirche.

Kirche für junge Menschen mit neuen Formen erfahrbar machen

Kletterturm und Fußballturnier, Deeskalationstraining, Acrylmalerei, Airbrush, „schminken und relaxen“, Filme schneiden, Taschen nähen und vieles mehr füllt die Nachmittage. Jeder kann, niemand muss mitmachen. Zeit und Orte der Besinnung des individuellen Rückzugs und des intimen Gesprächs gibt es auch. „Manchmal bricht etwas auf“, erzählt Jörg Chilla, dann hören wir zu und bieten unsere Begleitung an.“

Über allem steht das Bemühen, Kirche für junge Menschen erfahrbar zu machen, Barrieren abzubauen, neue Formen des Miteinanders einzuüben. Dort, wo die traditionellen Gottesdienst- und Gemeindeformen nicht mehr greifen und fremd sind, sollen altersgemäße Ausdrucksmöglichkeiten gefunden werden.

Die Begeisterung der Angesprochenen ist zumindest an diesem Nachmittag nicht gerade überbordend, doch ist auch keine direkte Ablehnung erkennbar. Es ist eher ein vorsichtiges Herantasten an diese Jugendkirche, eine gewisse Skepsis, aber durchaus auch Neugierde und ein Mindestmaß an Aufnahmebereitschaft.

Klassische Jugendarbeit bröckelt Kirche immer mehr weg

„Die klassische Jugendarbeit bröckelt uns ja mehr und mehr weg“, sagt Erich Reinke ganz ehrlich: „Wir müssen uns also etwas einfallen lassen, um die jungen Menschen überhaupt zu erreichen und ansprechen zu können.“ Die Jugendkirche in Altena-Mühlendorf ist ein erster Versuch. Die Improvisation steht bei vielen Entscheidungen Pate, spontane Veränderungen prägen das vormals Geplante. Für die junge Klientel ist das völlig normal, und die Jugendreferenten steuern das Geschehen mit einfühlsamer Geduld. Sie glauben fest an ihr Modell.

EURE FAVORITEN