Ein Stoff für Herz und Hirn

Rüthen..  Cannabis als Heilmittel? Wer jetzt meint, beim Lesen dieses Artikels in einen Rauschzustand versetzt zu werden, der sollte nach diesen Zeilen einer anderen Tätigkeit nachgehen. Nein, statt über zugedröhntem Grenzverkehr im Dreiländereck berichten wir über einen durch eine seltene Krankheit ans Bett gefesselten Mediziner aus Rüthen, der mit Beiträgen im Deutschen Ärzteblatt ebenso wie in den Hanfblättern sogenannter Kiffer für eine Änderung des Betäubungsmittelgesetzes zugunsten chronisch Kranker kämpft.

50 000 Unterschriften

Cannabis für alle gegen Schmerz und Übelkeit, dafür setzt sich Dr. Franjo Grotenhermen seit zwei Jahrzehnten ein. Der Vorsitzende der bundesweiten „Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin“ mit Sitz in Rüthen hat mit seinen Mitstreitern eine Petition im weltweiten Netz freigeschaltet. Die zentralen Forderungen lauten: Zum einen sollen die Kassen Kosten für eine Behandlung mit Medikamenten auf Cannabis-Basis übernehmen. Zum anderen soll sichergestellt werden, dass man Patienten aufgrund einer ärztlich bescheinigten medizinischen Verwendung von Cannabis-Produkten nicht mehr strafrechtlich verfolgt.

„Es ist an der Zeit, Cannabis aus der Schmuddelecke zu holen“, zitiert Grotenhermen den Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie, Gerhard Müller-Schwefe, und nennt prominente Unterstützer seiner Kampagne wie den ehemaligen Präsidenten der Berliner Ärztekammer, Ellis Huber.

50 000 Unterschriften benötigt die Arbeitsgemeinschaft, der 500 Ärzte, Juristen und Patienten angehören. Seit Mittwoch ist die Seite geöffnet. „Leider haben wir bisher nur 3900 bekommen“, zeigt sich der gebürtige Anröchter enttäuscht. „Aber wir haben ja noch 22 Tage Zeit.“ Sollte die Zahl an Unterstützern erreicht werden, muss sie vom Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages öffentlich beraten werden.

Franjo Grotenhermen gilt als Koryphäe auf dem Gebiet der medizinischen Einsatzmöglichkeiten von Cannabis-Produkten. Seine Publikationen zum Thema sind gefragt. Auch bei der Weltgesundheitsorganisation.

Der Westfale hat sich einen Namen gemacht. Dementsprechend lang, so Grotenhermen, sei die Warteliste seiner Patienten. Patienten, denen er helfen soll, eine Ausnahmegenehmigung zu erhalten. Die erteilt das Bundesamt für Arzneimittelprüfung sehr selten. „Seit 2007 sind es nur 300 gewesen“, berichtet der Mediziner. Im Durchschnitt koste eine Therapie mit Cannabis-Produkten 300 bis 400 Euro im Monat. „Das kann sich nicht jeder leisten.“

Laut Grotenhermen gibt es in Deutschland weniger als 5000 ­Patienten, die Zugang zu Cannabis-Medikamenten aus Apotheken hätten. „Wir schätzen, dass ­mehrere Hunderttausend mit Cannabis als Medikament geholfen werden kann.“ Die aktuelle Regelung treibe chronisch Kranke in die Illegalität.

Grotenhermen zollt „dem Mut“ des Richters des Kölner Verwaltungsgerichts „Respekt“, der vor drei Wochen chronischen Schmerzpatienten als „Notlösung“ erlaubt hat, Cannabis in ihrer Wohnung anzubauen. Der Mediziner ist sich aber sicher, dass die Berufung in den nächsten Tagen erfolgt. Die Gesellschaft, so Grotenhermen, sei wesentlich klüger als Politiker annehmen. „Die Deutschen können sehr genau zwischen der medizinischen Verwendung von Cannabis-Produkten und den Konsum zu Rauschzwecken unterscheiden.“

Strafverfahren eingestellt

Grotenhermen bleibt Optimist – und erzählt, wie die Polizei vor Jahren sein Haus durchsuchte, wie ein Kommissar aus Soest, der einen eingeschweißten Behälter in seinem Keller sicherstellte, glaubte, ihn überführt zu haben. Einer seiner Patienten war zuvor in Hamburg mit Cannabis aufgefallen und hatte Grotenhermens Namen fallen lassen. „Statt Cannabis kam Schaumstoff zum Vorschein.“ Das Strafverfahren gegen ihn wurde eingestellt.

„Bei mir finden sie kein einziges Gramm“, sagt der 57-Jährige, der seinen Einsatz für Cannabis als Heilmittel für chronisch Kranke fortsetzen will. „Auch wenn die Petition ins Leere läuft.“

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