Dieben ist nichts mehr heilig

Hunderte Halveraner empfingen im Juni 1951 die neuen Glocken für die Nicolaikirche.
Hunderte Halveraner empfingen im Juni 1951 die neuen Glocken für die Nicolaikirche.
Foto: Fremdbild
In den vergangenen Monaten haben sich Angaben des Deutschen Glockenmuseums im westfälischen Gescher bundesweit Glockendiebstähle gehäuft. Ein Fall wurde Anfang November im Sauerland bekannt: Dort machten sich Diebe an der evangelischen Nicolaikirche in Halver zu schaffen.

Hagen/Halver.. Metalldieben scheint nichts mehr heilig zu sein: In den letzten Monaten haben sich Glockendiebstähle gehäuft. Darauf macht das Deutsche Glocken­museum im westfälischen Gescher aufmerksam. Ein Fall ereignete sich im Sauerland: in Halver.

Anfang November war bekannt geworden, dass sich Diebe an der fast 500 Jahre alten Glocke der evangelischen Nicolaikirche in Halver zu schaffen gemacht hatten. Zusammen mit dem Joch wurde das 36 Kilo schwere historische Instrument aus dem Glockenstuhl ausgehängt (in einer Höhe von drei Metern) und den Glockenturm hinunter transportiert.

Steigende Rohstoffpreise

Heiliger Bimbam! Die steigenden Rohstoffpreise bringen ein wertvolles Kulturgut in Gefahr. Dr. Hendrik Sonntag vom Westfälischen Glockenmuseum in Gescher schüttelt den Kopf, wenn er über solche kriminellen Vorfälle redet. „Der ideelle und historische Wert einer Glocke ist nicht mit Geld zu bemessen“, sagt der Museumsdirektor und nennt das Beispiel der Bronzeglocken, die häufig in Handarbeit hergestellte Unikate sind und aus freistehenden oder in Kirchen angesiedelten Glockentürmen gestohlen werden. Darüber hinaus fänden auch vor den Gotteshäusern abgestellte historische Glocken illegale Abnehmer. Für den Laien, der eine Glocke in einem Glockenturm wähnt, ist das so zu erklären: „Gussstahlglocken wurden und werden gerne durch Bronzeglocken ersetzt, weil diese einen wärmeren, schöneren Klang haben. Und dann finden die nicht mehr benötigten Glocken oft ihren Platz vor einer Kirche.“

Jan Hendrik Stens vom Verein „Deutsches Glockenmuseum“, berichtet von einer Diebstahl-Welle im Spätherbst 2012, die „zum Glück abgeebbt“ ist. „Das bedeutet aber nicht Entwarnung. Die Gefahr ist nach wie vor da.“ Im vergangenen Oktober z.B. wurde in dem Ort Groß Ridsenow (Mecklenburg-Vorpommern) eine im 15. Jahrhundert gegossene Glocke aus ihrem freistehenden Glockenstuhl entwendet. Der Wert wurde auf 20.000 Euro geschätzt, veräußert wurde das in Einzelteile zerlegte Diebesgut für 1800 Euro an einen Altmetallhändler. Für die Verkäufer auf den ersten Blick ein lukratives Geschäft, das offenbar einen hohen Aufwand rechtfertigt. Denn die Glocke wog 600 Kilogramm - ein Gewicht, das man nicht mal so eben wie die 36 Kilogramm schwere Diebstahls-Glocke in Halver tragen kann. „Die Tat muss von langer Hand geplant gewesen sein.“ Allerdings hatte die vierköpfige Bande nicht lange etwas von dem Geld. Weil sie auf dem Schrottplatz gefilmt wurde, konnte sie von der Polizei ermittelt werden.

Keine organisierte Bande

Die gut zehn Fälle von Glockenklau im vergangenen Herbst haben sich in verschiedenen Bundesländern ereignet, erzählt Stens. „Wegen der großen Entfernungen ist nicht davon auszugehen, dass es eine organisierte Bande war“, sagt das Vorstandsmitglied des Deutschen Glockenmuseums. Dass es inzwischen ruhiger geworden ist, habe mit einer von dem Verein im ganzen Land publizierten Warnung vor Glockendieben zu tun - das habe die Bevölkerung sensibilisiert. Zudem hatte die Bundesvereinigung Deutscher Stahlrecycling- und Entsorgungsunternehmen ihre Mitglieder zu erhöhter Wachsamkeit aufgerufen.

Der Verein Deutsches Glockenmuseum jedenfalls will das Problem weiter an die große Glocke hängen - und hat im ganzen Land Empfehlungen für Kirchengemeinden verbreitet, wie sie das hohe Kulturgut schützen können. Tenor: „Man darf es potenziellen Tätern nicht zu leicht machen.“ Glockenstühle dürften nicht für jedermann zugänglich sein; Glocken, die nicht mehr genutzt und als Denkmal vor der Kirche abgestellt werden, sollten in geschlossene Räume gebracht werden. Und, so Jan Hendrik Stens: „Auch in Filialkirchen, in denen kein regelmäßiger Betrieb ist, müssen die Menschen Präsenz zeigen.“

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