Die Suche nach der Killer-App

Siegen..  Das Smart Home, das intelligente Zuhause, geistert seit vielen Jahren als Vision durch die Köpfe von Technikfreunden. Die Praxis ist noch etwas schwerfälliger. Das könnte mit den bislang angebotenen Produkten zusammenhängen: der intelligente Kühlschrank, der die Lebensmittel selbstständig im Supermarkt bestellt, wenn sie auszugehen drohen oder das Verfallsdatum überschritten ist - wer braucht oder will so etwas wirklich? Skeptiker bezeichnen Smart-Home-Konzepte als Lösungen für Probleme, die kaum ein Mensch hat. Doch das soll sich jetzt ändern. „Wir wollen genau hinschauen, was Verbraucher wirklich wünschen“, sagt Prof. Gunnar Stevens vom Lehrstuhl Human-Computer Interaction der Universität Siegen.

Drei Jahre Förderung

Mit „wir“ meint er die Beteiligten am Forschungsprojekt SmartLive, das gestern startete. Es wird vom Bundeswirtschaftsministerium über drei Jahre gefördert und hat ein Gesamtbudget von 1,2 Millionen Euro. Partner sind neben der Uni die Firma Devolo aus Aachen, die Hardware produziert, Software-Entwickler ProSyst aus Köln, die Design-Agentur the peak lab aus Oldenburg und die Arbeitsgemeinschaft für sparsame Energie- und Wasserverwendung (ASEW), in der 250 deutsche Stadtwerke zusammenarbeiten. Ziel ist es, die wirklichen Bedürfnisse der Kunden herauszufinden und dafür Prototypen zu entwickeln. Stevens hat ein Beispiel: „Devolo bietet Internet-Kameras an, mit denen die Kunden zum Beispiel während ihrer Arbeitszeit ihre Wohnung überwachen können. Man war davon ausgegangen, dass solche Systeme zum Schutz vor Einbrechern genutzt würden. In Wirklichkeit haben die Leute in erster Linie ihre Haustiere beobachtet.“

Usability heißt das Stichwort - Benutzerfreundlichkeit. Da gibt es nach Ansicht von Stevens noch Nachholbedarf: „Wir sind in Deutschland gut aufgestellt bei technischen Innovationen. Aber die werden oft unter Wert verkauft.“ Vorbilder müssten die erfolgreichen US-Konzerne Apple oder Google sein: „Wir müssen Technik anbieten, die gebraucht wird und Spaß macht.“

Und was das sein kann, sollen die Verbraucher selbst mitteilen. In einer Vorstudie hat die Uni Siegen zehn Haushalten Geräte installiert, mit denen sie den Stromverbrauch verschiedener Geräte auf dem Fernseher oder Tablet ablesen konnten. Ein Ergebnis: Die absoluten Zahlen sagten den meisten Nutzern nichts. Erst die Umrechnung in Euro oder der Vergleich mit anderen Haushalten wirkte attraktiv. Stevens: „Einige Familien haben ihr Verhalten umgestellt, als sie beispielsweise wahrnahmen, wie viel Energie ihr Wäschetrockner verbraucht. Ein Vater hat aber auch festgestellt, dass der Streit mit seinen Kindern für ein paar Cent nicht lohnt.“

Licht, Heizung, Sicherheit

Künftig soll es in 15 Testhaushalten nicht nur um Strom gehen, sondern auch um Komfort - Lichtsteuerung, Heizung, Sicherheit. Entscheidend ist aber, dass der Verbraucher das Haus kontrolliert - und nicht umgekehrt. Wer nicht immer zur gleichen Zeit nach Hause kommt, der kann beispielsweise mit seinem Handy ein Signal geben und betritt dann auf den Punkt genau eine nach Wunsch gewärmte Wohnung.

„Unsere Kompetenz ist das Zuhören“, sagt Stevens. „wir wissen, was in den kommenden drei, vier Jahren technisch möglich ist und wollen Wünsche in Gestaltung übersetzen. Wir geben dabei nichts vor, sondern möchten herausfinden, was die Nutzer für Ideen haben.“ Und diese Erkenntnisse sollen der mittelständischen Wirtschaft helfen, die passenden Lösungen und Produkte zu entwickeln. Stevens: „Gesucht wird die Killer-App.“

Persönlich hat er schon eine Idee, was die für ihn sein könnte: „Ich hasse es, im Dunkeln aufzuwachen. Für mich soll es sich morgens immer anfühlen wie Frühling - es wird langsam heller, und die Vögel zwitschern. Das wäre mit heutiger Licht- und Tontechnik problemlos machbar.“

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