Der unbekannte Udo Jürgens

Monika Willer
Der Jazzmusiker  Jörg Seidel ist Sänger und Gitarrist.
Der Jazzmusiker Jörg Seidel ist Sänger und Gitarrist.
Foto: WAZ FotoPool
Der Bremerhavener Musiker Jörg Seidel entdeckt die künstlerischen Wurzeln des Stars neu. Sie liegen im Jazz.

Hagen. Udo Jürgens gilt als der kommerziell erfolgreichste Unterhaltungskünstler im deutschsprachigen Raum. Über aller Berühmtheit sind die musikalischen Wurzeln des im Dezember 2014 gestorbenen Sängers und Komponisten jedoch in Vergessenheit geraten. Der Bremerhavener Musiker Jörg Seidel macht sich nun daran, den anderen, den unbekannten Udo Jürgens aufzuspüren. Seine Hommage heißt nicht umsonst „Merci“, also Danke. Denn Seidels neues Album entdeckt Udo Jürgens für den Jazz. „Die Frage ist eigentlich nicht, warum ich das mache, sondern warum das vor mir noch keiner gemacht hat. Denn seine Stücke sind im Jazz-Kontext geschrieben“, betont Jörg Seidel.

Lob von Bruder Bockelmann

Udo Jürgens, der Schlager-König, ein heimlicher Jazzer? Genau das ist er, weiß der 48-jährige Seidel, und auch Jürgens’ Bruder Manfred Bockelmann erteilte dem Projekt seinen Segen: „Diese Aufnahmen katapultieren mich förmlich zurück in die Zeit der musikalischen Anfänge meines Bruders, der seine Karriere ja als Jazzpianist begonnen hat.“

Woran erkennt ein Musiker, dass Udo Jürgens aus dem Jazz kommt? „Die Strukturen seiner Lieder verraten das“, antwortet Jörg Seidel. „Sie basieren auf den typischen Harmonieverbindungen, die wir Jazzmusiker spielen.“

Es sind Lieblingsstücke, die der norddeutsche Sänger und Gitarrist für das Album „Merci“ ausgewählt hat. „Ein ehrenwertes Haus“, „Immer wieder geht die Sonne auf“, „Siebzehn Jahr, blondes Haar“ und natürlich „Merci Chérie“. „Ich habe vor allem rhythmisch einiges verändert, die Lieder mit Afrobeat, Bossa Nova und Swing unterlegt. Aber harmonisch haben wir gar nicht so viel verändert. Das ist das Spannende bei seinen Kompositionen, dass man sie, ohne viel machen zu müssen, in einem Jazz-Kontext spielen kann.“

Jörg Seidel hat seine Wurzeln in der Gypsy- und Weltmusik. Aber er ist auch ein Spezialist dafür, bekannte Musiker neu und ein bisschen gegen den Strich zu hören. Bing Crosby und Nat King Cole hat er ebenfalls neu arrangiert. „Bing Crosby macht ja sonst auch keiner“, sagt er. Seidels Herzblut, gepaart mit musikalischer Neugierde und Können, haben entsprechend die Kinder von Udo Jürgens überzeugt, ihm die Rechte für das Projekt zu erteilen.

Männliche Jazzsänger sind rar

„Udo Jürgens hat die große Kunst beherrscht, über diesen aus dem Jazz stammenden harmonischen Abläufen tolle Melodien zu schreiben. Das sind total schöne Stücke“, lobt Seidel. Auch im Konzert funktioniert die Hommage an Udo Jürgens bestens. Derzeit lässt Seidel das Programm für Bigband arrangieren.

In der Jazzszene hat Jörg Seidel ohnehin einen guten und besonderen Ruf. „Das liegt daran, weil männliche Jazzsänger sehr rar sind. Und improvisierende Jazzsänger gibt es erst recht kaum.“

Das Album „Merci. My Personal Tribute To Udo Jürgens“ ist erhältlich unter: www.joergseidel.de oder per Mail: joerg.seidel@nord-com.net. Es kostet 15 Euro.