Degowski klagt nicht gegen ARD-Film über Gladbecker Geiseldrama

Dieter Degowski am 17. August 1988 in einem gekaperten Bus in Bremen. Der damalige Geiselnehmer könnte Ende des Jahre frei kommen.
Dieter Degowski am 17. August 1988 in einem gekaperten Bus in Bremen. Der damalige Geiselnehmer könnte Ende des Jahre frei kommen.
Foto: dpa
  • Der Gladbecker Geiselnehmer Dieter Degowski will nicht juristisch gegen einen geplanten ARD-Film vorgehen
  • Anwältin: „Er will seine Ruhe haben“
  • 59-Jährige könnte Ende 2016 freikommen

Werl. Die Fotos von Dieter Degowski sind auch fast 28 Jahre nach dem Gladbecker Geiseldrama präsent. Die fransigen Haare, der stoppelige Vollbart und das Karo-Hemd haben sich in das Gedächtnis eingeprägt. „Der Film wird die Geiselnahme noch einmal ins öffentliche Bewusstsein rufen, und auch jüngere Fernseh-Zuschauer werden auf Dieter Degowski stoßen“, sagt seine Dortmunder Rechtsanwältin Lisa Grüter.

Erschwerte Resozialisierung

„Der Film“ ist das geplante Doku-Drama über das Geiseldrama, das ab diesem Sommer gedreht werden soll. Degowskis damaliger Komplize Hans-Jürgen Rösner versucht mit allen juristischen Mitteln, eine Ausstrahlung zu verhindern. Seinem Anwalt Rainer Dietz zufolge gefährdet das Vorhaben Rösners Resozialisierung und verletze dessen Persönlichkeitsrechte. Auf Degowskis Seite ist man da zurückhaltender. „Wir haben Derartiges nicht vor. Mein Mandant will seine Ruhe haben“, sagt seine Anwältin, die auch fast 28 Jahre nach den Gladbecker Ereignissen ein öffentliches Interesse erkennt.

Seit dem Geiseldrama gibt es kein Foto von Dieter Degowski (59). Naturgemäß sieht er nicht mehr so aus wie vor einem Vierteljahrhundert. Ein Umstand, der ihm bei einer Wiedereingliederung in die Gesellschaft nach einer möglichen Haftentlassung aus der Justizvollzugsanstalt (JVA) Werl Ende des Jahres helfen könnte. Und doch: Mit dem ARD-Film würde Degowski wieder ein großes mediales Thema sein, was eine Resozialisierung erschweren könnte. Lisa Grüter: „Für einen Straftäter ist es leichter, in Freiheit Fuß zu fassen, wenn er nicht immer wieder Gegenstand einer öffentlichen Berichterstattung ist.“

Der Werler Gefängnisleiterin Maria Look zufolge will Degowski unter keinen Umständen in die Öffentlichkeit. Ihm sei es wichtig, einen Schlussstrich unter das Gladbecker Geiseldrama zu ziehen. „Er will nicht immer damit konfrontiert werden. Er weiß, dass er es nicht ungeschehen machen kann, auch wenn es ihm sehr leid tut“, so Maria Look. Der Strafgefangene wolle irgendwann ein neues Leben außerhalb der Gefängnismauern beginnen - möglicherweise mit einer neuen Identität, wie das NRW-Justizministerium vor einiger Zeit bestätigte.

Drehbeginn „im Sommer“

Das „irgendwann“ könnte Ende des Jahres sein. Vor drei Jahren hatte das Landgericht Arnsberg bei der JVA Werl Haftlockerungen angemahnt. Man solle mit den (dreijährigen) Entlassungsvorbereitungen beginnen. „Die laufen unverändert“, sagt Anwältin Grüter. Genaue Details will sie nicht in der Öffentlichkeit ausbreiten. Einen konkreten Termin für die nächste Haftprüfung seitens der Arnsberger Strafvollstreckungskammer gibt es nicht. Ein neuer Antrag der Verteidigung auf Haftentlassung wurde noch nicht gestellt. „Er ist aber geplant“, sagt Grüter.

Vor einer Entscheidung über eine Haftentlassung muss die Strafvollstreckungskammer ein Gutachten über die Gefährlichkeit des Strafgefangenen einholen. JVA-Leiterin Look beschreibt Degowski als unauffällig. Bei seinen bisherigen begleiteten und unbegleiteten Ausgängen im Rahmen der Haftlockerungen sei es nicht zu Zwischenfällen gekommen. Ansonsten arbeite er auf dem JVA-Gelände „völlig lautlos und folgt allen Anweisungen“. Nach Angaben von Anwältin Grüter ist der Mann, der eine Lehre zum Koch in der JVA Werl gemacht hat, als Hofreiniger eingesetzt.

Auch wenn Dieter Degowski die Ereignisse vom August 1988 am liebsten ein für allemal aus seinem Leben kehren möchte - der geplante TV-Film über das Gladbecker Geiseldrama frischt die Erinnerungen wieder auf. Christian Stollwerk von der Berliner Ziegler Film GmbH bestätigt lediglich einen Drehbeginn „im Sommer“. Von Seiten Dieter Degowskis habe es bislang keine Einwände gegeben. Im Gegensatz zu Hans-Jürgen Rösner. Hier spielt Stollwerk Ziegler-Anwalt Christian Schertz den Ball zu. Aus dessen Sicht gehört das Gladbecker Geiseldrama zu den spektakulärsten Verbrechen der deutschen Nachkriegsgeschichte. „Es hat sich in unser aller, vor allen Dingen auch visuelles, Gedächtnis eingebrannt. Insofern sind die Täter bis heute im wahrsten Sinne des Wortes Personen der Zeitgeschichte und müssen von daher grundsätzlich eine filmische Darstellung der Tat hinnehmen, vergleichbar mit den Terroristen der RAF.“

 
 

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