Damit die Kirche im Dorf bleibt

Schwerte.  Manches mag man schon nicht mehr hören, bevor es überhaupt eingetroffen ist. Es weiß doch inzwischen jeder, dass der demografische Wandel insbesondere den ländlichen Raum trifft und dort Versorgungsstrukturen gefährdet. Muss also die Evangelische Akademie in Schwerte am Dienstagabend erneut fragen „Sterben unsere Dörfer aus?“ Wenn sie dabei Wege aufzeigt, um genau das zu verhindern, kann es zumindest nicht schaden.

Manuel Slupina kommt vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, das in zwei Studien die Gefahren für den Bestand der Dörfer aufgezeigt hat. Einige der Punkte wiederholt er im Haus Villigst: Dass immer junge Menschen vom Land in die Stadt gezogen seien, aber das früher wegen der großen Familien nichts geschadet habe. Heute aber seien die Familien auf dem Land kaum größer als in der Stadt. Dass eine schlechtere Versorgung das Leben auf dem Land für Familien weniger attraktiv mache, dass der Bevölkerungsverlust bei den unter 45-Jährigen am größten sei, dass besonders die kleinen Dörfer betroffen seien.

Die Rückkehr der Dorfläden

Aber Slupina betont: „Die Entwicklung ist nicht überall gleich.“ Und er fragt, was den Unterschied macht. Ein Faktor sind die Vereine: „Es gibt einen klaren Zusammenhang zwischen Vereinsdichte und demografischer Entwicklung. Eine aktive Zivilgesellschaft und ein starker dörflicher Zusammenhalt haben deutlich positive Auswirkungen.“ Und der Bevölkerungsforscher präsentiert Ideen gegen den Mangel, zum Beispiel bei der Versorgung mit Ärzten: „Wenn man keinen Arzt für jeden Tag findet, dann vielleicht fünf, die einmal pro Woche ins Ärztegemeinschaftshaus kommen.“ Slupina sieht ein Comeback der Dorfläden, freut sich über 120 Bürgerbusse in NRW und verweist auf Schleswig-Holstein das eine Anschubfinanzierung für Markt-Treffs gibt, die Einkaufen mit anderen Angeboten kombinierten. 30 bestünden bereits, weitere seien in Vorbereitung.

Auch NRW-Umweltminister Johannes Remmel wollte sich lieber mit den Chancen beschäftigen als mit den Problemen, zumal er überzeugt ist, es gebe in NRW keinen ländlichen Raum, sondern nur verschiedene ländliche Räume, die zu großen Teilen Industrieregionen im Grünen seien. Und deren Stärken will er stärken: „Die ländlichen Räume fühlen sich immer benachteiligt. Aber sie tun sich keinen Gefallen, die Perspektive der Minderbemittelten einzunehmen.“ Ländliche Räume seien nicht nur wirtschaftlich prosperierend, sondern Orte der Sehnsucht. Zukunft hätten sie durch gut ausgebildete Menschen und die Natur: „Der Naturraum ist der Schatz vor unserer Haustür. Er muss gepflegt werden.“ Die Dörfer sollten nicht danach streben, so zu werden wie die Städte, sondern ihre Besonderheiten pflegen.

Ein Problem sprach Remmel dennoch an - das Internet, die schnelle Datenautobahn: „Da haben wir Defizite und brauchen noch eine große Kraftanstrengung.“ Ein weiteres Problem, das ihm aus dem Publikum vorgehalten wurde, kann er nicht erkennen: Entwicklungsbeschränkungen durch den neuen Landesentwicklungsplan.

Willkommenskultur verbessern

Albert Henz, Vizepräsident der Evangelischen Kirche von Westfalen, brachte einen zusätzlichen Aspekt ein: Die Migration könne vieles ändern. Doch Manuel Slupina zweifelt daran, dass die derzeitigen Zuwandererströme stabil blieben: „Die Südeuropäer gehen wieder zurück, wenn die Krise vorbei ist.“ Außerdem drängten auch die Migranten eher in die Städte. Könnte man dies nicht ändern? Andreas Pletziger von der Bezirksregierung Arnsberg, bekennender Dörfler aus Bestwig-Ostwig, würde sich eine verbesserte Willkommenskultur im ländlichen Raum wünschen. Henner Braach aus Netphen, Vizepräsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes, setzt auf bürgerschaftliches Engagement: „Wir sollten nicht immer nach anderen schreien, sondern unsere eigenen Werte leben.“

Alles gut also? Sicher nicht. Aber Initiative hilft mehr als Pessimismus. Und Henz versicherte, die Kirchen würden im Dorf bleiben, wenn die Menschen das wünschten (wenn auch vielleicht nicht ausschließlich über die Kirchensteuer finanziert): „Wir werden die letzten sein, die sich zurückziehen.“

 
 

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