Buhs und Bravos für Dortmunder Rosenkavalier

Szene aus dem Dortmunder „Rosenkavalier“ mit  (v.l.) Emily Newton, Karl-Heinz Lehner und Ileana Mateescu.
Szene aus dem Dortmunder „Rosenkavalier“ mit (v.l.) Emily Newton, Karl-Heinz Lehner und Ileana Mateescu.
Foto: Thomas M. Jauk
Dortmund zeigt die große Oper von Richard Strauss als Gleichnis über das Ende einer Epoche.

Dortmund.. Jedes Glück ist auf Sand gebaut, wer wüsste das besser als die Marschallin im „Rosenkavalier“. Letztlich geht es nur darum, die Fallhöhe selbst zu bestimmen. Das gelingt nicht allen Charakteren gleichermaßen gut in der Dortmunder Inszenierung von Richard Strauss’ großer Oper. Beifall im Stehen gab es nach der Premiere für die hervorragenden Sänger; die Regie von Intendant Jens-Daniel Herzog spaltete das Publikum hingegen in Bravo- und Buh-Rufer.

1911 wurde „Der Rosenkavalier“ in Dresden uraufgeführt. Da wackelten in Russland schon die Paläste, und in Europa stand der Krieg vor der Tür. Diese historische Situation einer Gesellschaft auf der Kippe greift Jens-Daniel Herzog in starken Bildern auf.

Das Boudoir wird zur Falle

Wie eine Falle schnappt das Boudoir der Fürstin über ihr und ihrem jungen Liebhaber Octavian zu. Herzog und sein großartiger Bühnenbildner Mathis Neidhardt nehmen das ganz wörtlich. Die Wände werden von der Seite hereingefahren, die Zimmerdecke senkt sich aus dem Schnürboden herab.

Und wieder geht es um Fallhöhe, denn das bürgerliche Wohnzimmer der neureichen Faninals schwankt in beträchtlicher Schieflage auf den Fundamenten des fürstlichen Gemachs, während Herr Faninal und die Seinen das höfische Lever bei der Marschallin mit geschmacklosen Möbeln und einer wuschigen Dienerschaft nachzuahmen versuchen. Am Ende ist die gesellschaftliche Ordnung ebenso gestürzt wie das Prunkschlafzimmer, das nun mit herabhängenden Tapeten und zerbrochenen Fensterscheiben auf der Seite liegt und zum baufälligen Treffpunkt des Volkes wird.

Mit der Faust in der Tasche

Es geht vordergründig um die Liebe im „Rosenkavalier“, um die pikante zwischen der verheirateten Marschallin und Octavian und um die sentimentale zwischen letzterem und der hübschen Sophie, mit der der abgebrannte Baron Ochs wiederum seine Finanzen sanieren will. Doch bei allen Emotionen gibt es niemals Intimität. Die Liebenden sind zu keiner Zeit alleine, all die Diener, Sekretäre, Haushofmeister und Leiblakeien belauern ihre Herrschaften ständig und ballen derweil die Faust in der Tasche.

Die Stärke der Inszenierung liegt in der subtilen und präzisen Personenführung. Der Chor wird wieder einmal individualisiert, ein großes Markenzeichen in Dortmund, und mit dieser Technik erzählt Herzog neben der eigentlichen Handlung noch viele kleine Geschichten, zeichnet ein pralles, manchmal auch bitteres Bild von Milieus, die sich horizontal überschneiden, während die alte hierarchische Ordnung nicht mehr funktioniert.

So betritt Bassbariton Karl-Heinz Lehner als Ochs wie ein aus der Zeit gefallener Falstaff die Bühne, der ohne Rücksicht auf Verluste frisst, säuft und hurt. Ochsens Standesdünkel scheitert nicht nur an den eigenen leeren Taschen, sondern vor allem an der kleinbürgerlichen Moral von Sophie und an der Wut der Unterklasse, die ihm die Rechnung präsentiert und die Hosen herunterlässt. Lehner spielt den Ochs grandios mit trauriger Frivolität, aber er ist stimmlich ein wenig indisponiert.

Großartige Marschallin

Emily Newton, die Frau des Hagener Baritons Kenneth Mattice, ist eine großartige Marschallin, die Liebe und Verzicht in bildschönen lyrischen Sopranbögen beschwört. Ashley Thouret hat die himmelhohen Soprantöne, mit der Strauss die Sophie über das Irdische erhebt. Und Ileana Mateescu ist ein Octavian mit blühendem Mezzo, der fein ausbalanciert zwischen kupferner Tiefe und samtiger Höhe schimmert.

GMD Gabriel Feltz gelingt es mit den Dortmunder Philharmonikern nicht durchweg, den schwelgerischen, farbensatten Duktus der Strauss-Partitur freizusetzen. Allerdings stellt er die Kontraste zwischen der walzerseligen Reverenz an vergangene Epochen und den neuen Tönen spannend heraus, die immer wieder aus dem Notentext hervorbrechen.

Am Ende, beim herzzerreißenden Schlussterzett, schließt sich auch optisch der Kreis. Der Sandboden verschwindet. Den Liebenden gehört die offene Nacht mit ihren Sternen. Hier sind sie frei. Aber: „Ist ein Traum, kann nicht wirklich sein.“

Wieder am 30. 1., 8. 2., 21. 2. Karten: 0231 / 5027222. Internet: www.theaterdo.de

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