Bombenalarm im Wohnungsbau

Hagen.  Bombenstimmung bei Architekten. Die Konjunktur läuft gut. Das deutsche Baugewerbe rechnet in Deutschland mit einem Plus von 5 Prozent gegenüber dem Vorjahr beim Wohnungsbau. Doch so manche Planung in Südwestfalen droht nun gesprengt zu werden. Denn der Kampfmittelräumdienst, angesiedelt bei der Bezirksregierung Arnsberg, kommt mit der Freigabe der Baugrundstücke nicht mehr nach.

Luftbilder der Alliierten als Quelle

Wer ein Haus bauen möchte, der braucht – je nach Lage – vor Beginn der Arbeiten das Ok dieser Behörde. Dafür sichtet man beim Kampfmittelräumdienst in Hagen zunächst die Luftbilder der Alliierten aus dem Zweiten Weltkrieg. Zwei bis drei Wochen hat es früher manchmal nur gedauert, bis er das Ergebnis einer solchen Luftbildauswertung auf dem Tisch hatte, erinnert sich Peter Mörschel, Architekt aus Siegen. Nun wartet er schon seit mehr als sechs Wochen auf die Freigabe für ein neues Bauprojekt. Er wird sich noch länger gedulden müssen: Es könne bis zu 13 Wochen dauern, hat man ihm bei den Behörden mitgeteilt. Was noch schnell wäre: „Derzeit dauert die Luftbildauswertung 16 Wochen“, so Christoph Söbbeler, Sprecher der Bezirksregierung Arnsberg. Weitere Wochen kommen obendrauf, falls die Luftaufnahmen der Alliierten den Verdacht auf eine Bombe stützen – und die Experten das Gelände vor Ort untersuchen müssen.

„Ein Ärgernis“, bestätigt Peter Meyer, Leiter Vertrieb und Kalkulation beim Bauunternehmen Runkel in Siegen. „Das bringt den gesamten Zeitplan durcheinander“, fügt er hinzu. Schließlich sei eine Baumaßnahme heutzutage eng getaktet. Ein Zeitpuffer für solche Verzögerungen sei nicht einzuplanen. Zudem laufe man Gefahr, dass Handwerker abspringen, Aufträge neu ausgeschrieben werden müssten. „Der Unternehmer, der vielleicht ursprünglich der günstigste war, kann dann auf einmal nicht mehr. Das kann ein Projekt verteuern“, sagt Dirk Austermann, Architekt aus Dülmen, der bereits seit 14 Wochen auf eine Freigabe warten muss.

Vor allem Häuslebauer betroffen

Keine Einzelfälle: „Wir hören immer wieder von unseren Mitgliedern, dass es erhebliche Verzögerungen gibt“, sagt Christof Rose, Pressesprecher der Architektenkammer NRW. So könnte sich manches Bauvorhaben bis in den Winter hinaussschieben – und je nach Wetterlage dann noch länger. „Das kostet Geld“, sagt der Peter Meyer, bei Runkel Leiter Kalkulation.

Die Verzögerungen bei Bauvorhaben treffen vor allem Häuslebauer, erklärt Peter Vogel, Stadtbaurat in Kreuztal. Die Kommunen entscheiden, welche Grundstücke auf Blindgänger untersucht werden müssen. Bei ihnen reichen die Bauherren Anträge ein; dann werden die Experten der Bezirksregierung bestellt. Bei großen Industriebauten, mit langem Planungsvorlauf, fielen ein paar Wochen mehr für die Freigabe des Kampfmittelbeseitigungsdienstes kaum ins Gewicht, so Vogel weiter.

Und der Grund für die Verzögerungen: „Die boomende Baukonjunktur mit einer noch dagewesenen Zahl an Bauvorhaben steht als Ursache im Vordergrund“, sagt Christoph Söbbeler. Infolgedessen ist die Zahl der Anträge auf Baustellenuntersuchungen in Westfalen-Lippe in den vergangenen Jahren kräftig gestiegen: 2012 um 17 Prozent gegenüber dem Vorjahr, 2013 um 29 Prozent, 2014 plus 23 Prozent und 2015 nochmal 7 Prozent. Zwischen den Jahren 2011 und 2015 hat sich die Zahl der Anträge verdoppelt. Die Zahl der Mitarbeiter aber ist gleich geblieben.

Einweisung dauert bis zu zwei Jahre

„Wir haben das Thema Personal im Blick“, sagt Christoph Söbbeler vorsichtig. Derzeit arbeiten 37 Beschäftigte beim Kampfmittelbeseitigungsdienst. Es müssten eigentlich mehr werden. Aber wann und wie viele Kollegen dazu kommen – das kann Christoph Söbbeler nicht benennen. „Die Aufgabestellung besteht“, so der Pressesprecher nur. Diese Fachkräfte aber sind rar: Für die Luftbildauswertung, wo die Personaldecke derzeit besonders dünn ist, müssen Mitarbeiter über ein Studium im Bereich Vermessung verfügen mit Schwerpunkt Fotogrammetrie. Selbst aber, wenn sie gefunden sind: „Die Einweisung in die Tätigkeit dauert je nach Fähigkeit des Bewerbers in der Regel ein bis zwei Jahre“, so Söbbeler. Die Bombenstimmung könnte also noch eine Weile anhalten.

 
 

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