Bestseller-Autor Kai Meyer über Fantasy und Schauerroman

Bestseller-Autor Kai Meyer spricht über Phantastik, Geisterroman und Schauerromantik.
Bestseller-Autor Kai Meyer spricht über Phantastik, Geisterroman und Schauerromantik.
Foto: Martin Steffen
Der Bestseller-Autor Kai Meyer überrascht seine Leser immer wieder mit ungewöhnlichen Themen. Im Interview mit unserer Redaktion berichtet er über seinen neuen Roman „Phantasmen“ - darin geht es um eine Gruppe von Menschen mit Nahtod-Erfahrung, die entführt wird.

Hagen.. Kai Meyer gehört zu den besten deutschsprachigen Erzählern und überrascht immer wieder durch die ungewöhnliche Thematik seiner Romane. In seinem neuen Buch „Phantasmen“ wird eine Gruppe von Menschen mit Nahtod-Erfahrung entführt und von einem Fernsehprediger zu religiösen Versuchszwecken missbraucht. Die Probanden wehren sich mit dem einzigen Mittel, das ihnen bleibt: Sie verwandeln alle Toten in Geister. Im Interview mit unserer Redaktion berichtet Kai Meyer über Genreschubladen wie Fantasy oder Schauerroman und die Sehnsucht nach dem Wunderbaren in der Literatur.

„Phantasmen“ ist nicht Ihr erstes Buch, das an der Schnittstelle zwischen Leben und Tod spielt. Was fasziniert Sie an dieser Thematik?

Kai Meyer: Ich bin immer auf der Suche nach Geheimnissen, mit denen ich in meinen Geschichten arbeiten kann. Die überirdischen, transzendenten Themen bieten sich an, weil auf diese Art von Mysterien niemand eine Antwort hat. Entsprechend faszinierend ist es, damit zu spielen. Für „Phantasmen“ fand ich das Thema Nahtod interessant und habe es mit Elementen der Geister- und Endzeitgeschichte kombiniert.

Die Handlung hat ja eine ungeheure ethische Komponente.

Meyer: Sicher, aber das haben Geschichten über Experimente an Menschen immer, da ist man schnell bei ethischen Größen. Aber ich komme nicht mit dem moralischen Zeigefinger daher. In erster Linie geht es mir darum, eine spannende Geschichte zu erzählen.

Die lächelnden Gespenster sind natürlich ein unglaubliches Motiv.

Meyer: Das war auch der Knackpunkt bei diesem Roman. Ich habe lange überlegt, was genau in dem Buch eigentlich passieren soll. Ich hatte sehr früh den Schauplatz, die Wüste von Tabernas in Spanien, weil sie die einzige Wüste Europas ist und ich ungewöhnliche Orte mag. Schnell waren auch die beiden Schwestern da, Emma und Rain, die Hauptfiguren. Aber lange hatte ich das Buch tatsächlich eher in eine Thriller-Richtung geplant, ganz ohne Geister. Ich wollte schon früher immer die Geschichte einer weltweiten Invasion schreiben, aber nicht den Klassiker von den Außerirdischen in ihren fliegenden Untertassen. Darüber kam ich auf die Geister und dann auch ganz schnell auf das Lächeln. Sie sollten bedrohlich sein, aber ich wollte nicht, dass sie wie Zombies durch die Gegend wanken und Menschen fressen. Ihre Bedrohlichkeit sollte sich aus ihrer Stille und Reglosigkeit entwickeln.

„Phantasmen“ steht in der Tradition der klassischen Geister- und Gespenstergeschichten. Warum sind solche Elemente Ihnen wichtig?

Meyer: Vielleicht einfach eine Frage des Geschmacks. Ich habe ja schon immer sehr stark mit Elementen von Horror, Gothic Novel und Schauerroman gearbeitet. Das war schon früh bei „Die Geisterseher“ und „Die Alchimistin“ so und zieht sich durch viele meiner späteren Bücher.

In Ihren Romanen spielt die Architektur eine große Rolle. Löst die Beton-Architektur der 1960er und 1970er Jahre das klassische Spukhaus mit Wasserspeiern und Türmchen ab?

Meyer: Das war eine ganz bewusste Entscheidung in meinen letzten Büchern. Es hat auch damit zu tun, dass ich europäische Filme aus den 70er Jahren sehr mag, in denen oft diese für heutige Augen bizarre Architektur auftaucht. So etwas wird heute nicht mehr gebaut und ist auch davor nie gebaut worden. Das gibt es nur in dieser einen Epoche, und weil ich es in Filmen mag, hat es sich in meine Bücher eingeschlichen.

"Diese Architektur hat mittlerweile etwas sehr Morbides"

Diese Häuser sind in einem enormen Fortschrittsglauben entstanden. Schon zwanzig Jahre später waren sie energetisch nicht mehr zu betreiben, der Beton bröckelt, die Ästhetik wirkt überlebt.

Meyer: Diese Architektur hat mittlerweile etwas sehr Morbides. Man kann dabei zusehen, wie ein Ideal verfällt, das ist der Friedhof einer Architekturepoche. Und damit hat es wieder etwas von Schauerromantik. Die Autoren der ersten Schauerromane Anfang des 19. Jahrhunderts haben die gotische Architektur, die rund um sie auseinanderfiel, zum Schauplatz ihrer Bücher gemacht und darin den Zerfall der Figuren gespiegelt. Ich versuche etwas ganz Ähnliches, nur dass es bei mir nicht die Wasserspeier sind, sondern eine andere Architekturepoche, die uns heute genauso fremd ist wie den Leuten damals die Bauten der Gotik.

Die beiden Schwestern Rain und Emma und der Junge Tyler ziehen sich am Ende in die Wälder zurück, um zu überleben. Damit verwenden Sie erstmals ein Science-Fiction-Motiv in einem Roman.

Meyer: Bei der Science Fiction landet man mit jedem Weltuntergangsszenario. Aber ich würde den Roman nie als Science Fiction bezeichnen. Das finale Motiv mag es in vielen Endzeitgeschichten geben: Man zieht sich vor einer gefährlichen Welt zurück in die Wildnis und versucht, dort zu überleben. Aber „Phantasmen“ ist keine Dystopie. Das Buch erzählt nicht vom Umbruch einer Gesellschaft. Der Schluss ergibt sich aus der Handlung heraus, er ist nur konsequent.

Gespenstergeschichte, Schauerroman, Science Fiction: Diese Gattungen werden heute alle unter dem Oberbegriff Fantasy verkauft. Und Sie gelten als Fantasy-Autor, obwohl Sie sich selber gar nicht so betrachten.

Meyer: Ich finde es problematisch, dass mittlerweile alles Fantasy heißt. Dabei habe ich mit dem Begriff selbst überhaupt kein Problem, ich bin ja damit aufgewachsen. Aber viele Leute verbinden mit Fantasy heutzutage vor allem Elfen, Orks und Zwerge. In diesem Bereich gibt es eine Menge gute Bücher, aber es ist nicht das, was ich schreibe. Meine Romane fallen unter den Oberbegriff der Phantastik. Im Grunde sind viele davon westlicher magischer Realismus, abgesehen von einigen Trilogien wie „Die Wellenläufer“ und „Die Sturmkönige“.

Sie schreiben Romane für Erwachsene und für Jugendliche. „Phantasmen“ ist als Jugendbuch bei Carlsen erschienen. Woran liegt es, dass in den vergangenen Jahren gerade vom Jugendbuch so viele Impulse für die Literatur insgesamt ausgehen?

Meyer: Das traditionelle Erwachsenenbuch war lange Zeit unglaublich verschnarcht. Über Jahrzehnte hinweg wurde sorgfältig getrennt: Es gab – vom Feuilleton geduldet – die Krimis, und eben das, was einem als Hochliteratur verkauft wurde. Und es gab Nischen wie Science Fiction und Fantasy, die aber eher als Schmuddelschubladen galten. Das Jugendbuch hat seit Harry Potter einen neuen Stellenwert bekommen. Und weil dort Grenzgänge sehr viel weiter verbreitet sind, haben die Leser und die Verlage entdeckt, wie unterhaltsam Genres sein können, über die man früher die Nase gerümpft hat. Etwas davon ist mittlerweile zum Glück zurück ins Erwachsenenbuch geschwappt.

Als Leser erhofft man sich von einem Buch immer das Überraschende und Wunderbare.

Meyer: In der Science Fiction gibt es den Begriff des „Sense of Wonder“. Der hängt stark mit einer gewissen Visualität zusammen, mit einem Gefühl des Bombastischen, Überwältigenden. Man sagt ja, dass einen jene Bücher am meisten beeindrucken und verfolgen, die man mit Zwölf gelesen hat. Viele von uns möchten beim Lesen wieder dieses Gefühl spüren, das wir als Zwölfjährige beim Lesen einer Geschichte hatten. Für Kinder sind Wunder nichts Außergewöhnliches, Wunderbares begegnet ihnen ständig – weil sie noch immer so viel Neues entdecken und zugleich die Bereitschaft haben, an irreale Dinge zu glauben. Damit arbeite ich in meinen Büchern ganz bewusst, durch bestimmte Bilder und Schauplätze. Ich will, dass sich die Leser für Wunder öffnen und eine Weile lang daran glauben können. Mehr kann ich mir als Autor nicht wünschen.

Kai Meyer: Phantasmen, Carlsen, 400 Seiten, 19,90 Euro.

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