Ausbildung von Behinderten - "Der Fachkräftemangel hilft"

Stefan Pohl
Ausgebildete Forstleute des Josefsheims Bigge.
Ausgebildete Forstleute des Josefsheims Bigge.
Foto: WP
Während Wirtschaftsforscher den Berufsbildungswerken bei der Integration behinderter Jugendlicher in den Arbeitsmarkt gute Noten geben, bleiben Unternehmen skeptisch. Doch je mehr Fachkräfte fehlen, desto besser sind die Chancen für Behinderte.

Hagen. Das renommierte Institut der deutschen Wirtschaft (IW) bricht eine Lanze für die Ausbildung behinderter Jugendlicher in einem Berufsbildungswerk (BBW). Dies lohne sich trotz der im Schnitt um 52.000 Euro höheren Kosten als andernorts für alle Beteiligten, heißt es in einer Studie der Kölner Wirtschaftsforscher.

Dieser zufolge sind die in einem Berufsbildungswerk mit einem ganzheitlichen Ansatz ausgebildeten Fachkräfte häufiger erwerbstätig und erzielen höhere Einkommen als behinderte junge Leute ohne BBW-Abschluss - keinen Job hatten nach laut IW-Studie 2010 nur 2,4 Prozent der Absolventen der Jahre 1995 bis 2008 erhalten. Finanziert wird die Ausbildung hauptsächlich von der Bundesagentur für Arbeit.

Sozialhilfeempfänger zu Steuerzahlern

Diese Wertschätzung freut die Praktiker in den Berufsbildungswerken Südwestfalens. „Diese Bestätigung macht micht stolz“, sagt Lothar Bücken (59), Leiter des Berufsbildungswerks Volmarstein für Körperbehinderte. „Man hört ja sonst ja immer nur etwas über die hohen Kosten.“

Seiner Ansicht nach besteht damit die Möglichkeit, dass die behinderten Jugendlichen in den Einrichtungen auch mit Hilfe von Psychologen und Ergotherapeuten so qualifiziert werden, dass sie in den ersten Arbeitsmarkt vermittelt werden können. Der Leitsatz, aus Sozialhilfeempfängern Steuerzahler zu machen, ist nach Bückens Ansicht nicht überholt: „Sie sollen in die Lage versetzt werden, später ein selbstständiges Leben zu führen.“ Daher mache es Sinn, am Anfang der Ausbildung eine vergleichsweise hohe Summe zu investieren.

Akzeptanz braucht Zeit

Aber noch ist es in den Betrieben der Region nicht selbstverständlich, dass der Kollege behindert ist - die Akzeptanz am Arbeitsplatz braucht Zeit. Was ist mit der Bereitschaft kleinerer Betriebe? „Die ist da“, zeigt sich Bücken zuversichtlich. „Aber sie wächst nicht stark.“ Gute Erfahrungen habe er in dieser Hinsicht mit regionalen Arbeitgebern wie Douglas, Hawker oder der Fernuniversität gemacht.

„Es dauert oft lange, bis jemand, der eine überbetriebliche Ausbildung gemacht hat, in Lohn und Brot ist“, ergänzt Willi Wienecke, Leiter des LWL-Berufsbildungswerks Soest für Blinde und Sehbehinderte mit 30 bis 35 Absolventen pro Jahr. 100 Prozent seien unrealistisch. „Unser größter Vorteil ist, dass wir nicht für den eigenen Bedarf ausbilden, unser größter Nachteil, dass auch wir von der Konjunktur abhängig sind.“ Ausgebildet werden Mechaniker, aber auch Köche und Kaufleute. Im kaufmännischen Bereich ist es mit der Vermittlung am schwierigsten, berichtet Wienecke. „Da landen oft diejenigen, die allein aufgrund ihrer Sehschwäche als Mechaniker oder Koch ungeeignet wären.“

Dennoch zeigt er sich optimistisch. Die Zeit arbeite für die Berufsbildungswerke, der Fachkräftemangel sei heute schon evident.

100 Prozent öffentliche Alimentierung

Das sehen auch Teile der Wirtschaft inwischen so. „Je stärker der Fachkräftemangel wird, desto mehr müssen sich die Betriebe mit dem Thema Behinderte auseinandersetzen“, meint Klaus Gräbener, für Ausbildung zuständiger Geschäftsführer bei der IHK Siegen. Das sage er den Betrieben, die oftmals Schwierigkeiten bei der Kündigung befürchteten, immer wieder. Auf der anderen Seite sei die zu 100 Prozent öffentliche Alimentierung durch Arbeitsverwaltung und Landschaftsverbände ein Problem: Nur, wenn die Konjunktur brumme, würden die Leute im ersten Arbeitsmarkt untergebracht. Gräbener: „Wenn die öffentliche Hand hustet, bekommen die Berufsbildungswerke Lungenentzündung.“