Aufschwung nicht für alle

Hagen.  Der wirtschaftliche Aufschwung geht an vielen Familien vorbei. Deutschlandweit leben knapp zwei Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren in einer Familie, die auf Hartz-IV angewiesen ist, in NRW sind es über eine halbe Million Mädchen und Jungen bis zum 18. Lebensjahr. Für sie ist jeder Schulausflug, jedes neue Kleidungsstück oder Spielzeug keine Selbstverständlichkeit.

Wie viele Kinder in NRW gelten als arm?

Statistiker gucken auf die Zahl der nicht erwerbsfähigen unter 15-Jährigen, um eine Aussage über die steigende Kinderarmut zu treffen. In NRW ist die Gruppe dieser Kinder seit 2011 um zehn Prozent auf aktuell 441 437 Mädchen und Jungen gestiegen. Zum Vergleich: Deutschlandweit ist diese Anzahl nur halb so stark auf derzeit 1,6 Millionen gewachsen. Alarmierend ist die Zahl der Kleinkinder in Hartz-IV-Familien. In NRW ist ihr Anteil von 18,9 Prozent Mitte 2015 auf aktuell 20,5 Prozent gestiegen.

Wann sind Kinder armutsgefährdet?

Es gibt zwei Faktoren: Kinder in alleinerziehenden Haushalten und Kinder mit vielen Geschwistern im Haus sind eher armutsgefährdet. Aktuell ist jede zweite Hartz-IV-Familie mit Kindern unter 18 Jahren ein Haushalt mit nur einem Erziehenden. Betrachtet man alle Familien in NRW, machen Alleinerziehende etwa zehn Prozent aus (Stand 2015). Für Alleinerziehende ist es schwierig, eine Arbeit mit der Kinderbetreuung zu verbinden. Unter den Hartz-IV-Familien machen kinderreiche Haushalte in NRW etwa 40 Prozent aus – ihr Anteil ist seit Mitte 2015 mit 5,5 Prozent am deutlichsten gestiegen. In Duisburg gab es Mitte 2016 rund 2900 Hartz-IV-Familien mit mehr als zwei Kinder – rund neun Prozent mehr als Mitte 2015.

Was hat Zuwanderung damit zu tun?

Laut Arbeitsagentur sehr viel. Während die Zahl der deutschen Kinder unter 15 Jahren in solchen Bedarfs-Haushalten auf 331 610 Personen gesunken ist, steigt der Anteil der Kinder aus Zuwandererfamilien mit Hilfe vom Staat. Derzeit sind es 102 380 Jugendliche, 19 Prozent mehr als Mitte 2015. Laut Arbeitsagentur stammen rund 15 500 von ihnen aus den nichteuropäischen Asylherkunftsländern.

Hartz-IV: Was bedeutet das?

Für eine alleinstehende Person liegt der Hartz-IV-Regelsatz für Dinge des täglichen Lebens wie Nahrung, Kleidung und Hausrat bei 404 Euro – ab 2017 fünf Euro mehr. Partnern stehen 364 Euro zu; Jugendlichen im Alter von 15 bis 18 Jahren erhalten 306 Euro, Kinder von sieben bis 14 Jahren 270 Euro, jüngere Kinder 237 Euro. Ihre Zuwendung wird als einzige mit der Reform 2017 nicht erhöht. Tatsächlich verfügen die Haushalte aber über mehr Budget: Für Miete und andere Mehrbedarfe gibt es Hilfen. Eine Mutter mit drei Kindern kommt so auf 2089 Euro.

Welche weiteren Hilfen gibt es?

In erster Linie welche für Miete und Heizkosten: Die Bruttokaltmiete etwa setzt sich zusammen aus der Haushaltsgröße, dem jeweiligen Quadratmeterpreis (Mietspiegel) und den kalten Betriebskosten. In Essen etwa darf eine vierköpfige Familie maximal 658,35 Euro Kaltmiete anmelden. Kosten für Strom tragen die Familien selbst.

Welche Pflichten haben Hartz-IV-Bezieher im Gegenzug?

Grundsätzlich müssen Arbeitssuchende wie Arbeitslose alle sechs Monate einen neuen formlosen Antrag auf den Leistungsbezug stellen. Ab 2017 soll das alle zwölf Monate sein. Leistungsbezieher müssen jeden Tag erreichbar sein – maximal drei Wochen dürfen sie wegfahren.

Für Arbeitslose gilt: Termine mit dem Jobcenter können je nach Fall wöchentlich oder alle sechs Monate stattfinden, sie müssen an Maßnahmen teilnehmen und zumutbare Stellen annehmen. Wer einen Termin mit dem Jobcenter verpasst oder eine Maßnahme abbricht, dem werden bis zu 30 Prozent der Leistungen gekürzt.

Wer betreut die Arbeitslosen?

Bei über 25-Jährigen sollte sich ein Berater um maximal 150 Arbeitslose kümmern. Tatsächlich sind es oft viel mehr: in Essen 162.

Gibt es noch Hilfe für arme Kinder?

Ja, seit 2011 gibt es das Bildungs- und Teilhabepaket für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in Hartz-IV-Familien. Seit 2011 werden daraus etwa die Kosten für Kita- oder Schulausflüge übernommen. Kinder erhalten für die Schulausstattung 100 Euro im Jahr, es gibt Zuschüsse fürs Mittagessen in der Kita (ein Euro) oder die Mitgliedschaft im Sportverein (10 Euro im Monat). 2014 hat das Land NRW 15,7 Millionen Euro für diese Leistungen gezahlt.

Wie begleitet der Staat Kinder aus einkommensschwachen Familien?

Kinder aus armen Familien haben es in der Schule oft schwerer, sie sind häufig ungesünder und haben Nachholbedarf bei der Sprache. Die Bundes- und Landesregierung haben viele Hilfsprojekte und Förderungen ins Leben gerufen. Ein Beispiel: Besonders in schwierigen Vierteln werden seit 2006 Familienzentren gefördert, in denen neben der Kinderbetreuung auch Eltern begleitet werden. In NRW gibt es derzeit rund 3400 solcher Familienzentren, 2006 waren es nur 320. Für den Gesamtaufwand in Höhe von 251,6 Millionen Euro steuert das Land rund 35,2 Millionen Euro bei.

 
 

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