Angriff eines unsichtbaren Gegners

Ein Junge reibt sich vor seinem Laptop beim Betrachten der Facebook-Seite die Augen. Mindestens fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen haben schon einmal Erfahrung mit Mobbing im Internet gemacht.
Ein Junge reibt sich vor seinem Laptop beim Betrachten der Facebook-Seite die Augen. Mindestens fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen haben schon einmal Erfahrung mit Mobbing im Internet gemacht.
Foto: picture alliance / dpa
Fälle von Cybermobbing bei Kindern und Jugendlichen nehmen zu. Experte: Heranwachsende sind durch Attacken im weltweiten Netz besonders verletzbar.

Hagen..  Es war ihr peinlich, was die Mädchengruppe in dem Nachrichtendienst WhatsApp über sie verbreitete. Diese Verleumdungen, Beleidigungen, Beschimpfungen. Die Sauerländerin zog sich immer mehr zurück, veränderte sich, als ihr Selbstwertgefühl am Boden lag. Irgendwann wusste sie nicht mehr weiter und ihre Geschichte landete bei Gerhard Engmann in der Beratungsstelle des Lüdenscheider Jugendamtes. „Das Interessante an diesem Fall war, dass die Rädelsführerin der Mädchengruppe vor zwei Jahren selbst Opfer von Cybermobbing war“, sagt der Diplom-Pädagoge. „Sie hatte wohl noch eine alte Rechnung offen.“

Gerhard Engmann ist als Referent der Landesmedienanstalt gefragt bei Elternabenden, Veranstaltungen für Lehrer, Schulpsychologen und Jugendamtsmitarbeiter im gesamten Sauerland. Ein Spezialgebiet: Cybermobbing – „das über einen längeren Zeitraum absichtsvolle, häufig abgesprochene schlechte Behandeln von Kindern und Jugendlichen in digitalen Medien“, so seine Definition eines gleichermaßen auf dem Land und in Städten verbreiteten Phänomens. Dass der Begriff „inflationär“ verwendet wird, findet er bedenklich. „Ich warne davor, Cybermobbing mit dem üblichen rüpelhaften Verhalten auf dem Schulhof gleichzustellen.“ Oft sei das Kriterium der Langfristigkeit nicht erfüllt.

30 Prozent aller Schulkinder in Deutschland haben Erfahrungen mit Cybermobbing gemacht, hieß es unlängst beim „Bündnis gegen Cybermobbing“. Eine zu hohe Zahl findet Engmann, und folgt eher einer europaweiten Studie, die von 5 Prozent aller Kinder und Jugendlichen ausgeht. Aber: Auch wenn es „nur“ 5 Prozent sind – „für die, die es trifft, ist es sehr hart“.

Gleichwohl: Mobbing über das Internet nimmt zu. „Das hat mit der Verbreitung der Technik zu tun“, sagt Engmann. Auch früher habe man Mitschüler mit „blöden Sprüchen“ an der Tafel geärgert. „Der Unterschied zu heute: Die Bühne, auf die man sich stellt, ist im Internet viel größer.“

Kein Angriff aus dem Nichts

Ein Angriff aus dem Nichts, wie es gerne in Abhandlungen heißt? Keinesfalls, meint Gerhard Engmann. „In der Regel findet Cybermobbing aus dem sozialen Nahumfeld heraus statt.“ Hinter dem Konflikt stehe meist eine alte Geschichte, die ein „Haupttäter“ mit einem Opfer zu begleichen hat. Der Konflikt werde verfolgt von Mitläufern und vielen Kindern und Jugendlichen, die wegschauen.

Identitätsfindung im Internet

Cybermobbing ist ein Phänomen in allen Altersgruppen der Heranwachsenden. Schwerpunkt sei aber die „Hochblüte der Pubertät“, so Engmann – also bei den 13- bis 15-Jährigen. Viele junge Leute ­verlegten heute den Großteil ihrer Identitätsfindung ins Internet. „Dadurch sind sie durch ­Mobbingangriffe besonders verletzbar.“

Was tun? Das Zauberwort heißt Prävention. Doch sind die Strukturen dafür geschaffen? „Die Schul-Ordnungen zu digitalen Medien stammen aus Nokia 1210-Zeiten“, lächelt Engmann, „als mit Handys nur telefoniert wurde oder SMS verschickt wurden.“ Konzepte gegen Cybermobbing seien in den meisten Schulen Fehlanzeige.

„Cybermobbing ist ein Phänomen zwischen Medien- und Sozialkompetenz“, so Engmann. Kinder und Jugendliche bräuchten nicht nur technisches Know-how im Umgang mit Medien – zum Beispiel Kenntnisse, wie man jemanden bei WhatsApp blockt. „Es geht auch darum, Werte an junge Leute so zu vermitteln, dass sie auch im gesichtslosen Internet halten.“

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