Düsseldorf

NRW-Regierung will Kinder aus islamistischen Familien beobachten lassen - das sagen SPD und Grüne

Die Behörden fürchten, dass Kinder in salafistischen Familien schon früh radikalisiert werden.
Die Behörden fürchten, dass Kinder in salafistischen Familien schon früh radikalisiert werden.
Foto: dpa

Düsseldorf. Hunderte Kinder in Deutschland leben laut Verfassungsschutz in islamistischen Familien.

Die Behörden befürchten, dass die Kinder schon früh in den Familienstrukturen radikalisiert werden könnten. Es gehe „ein nicht unerhebliches Gefährdungspotenzial“ von ihnen aus.

Frauen in salafistischen Familien als "Ideologieproduzentinnen"

Vor allem die Frauen in radikalen salafistischen Familien spielen zunehmend eine wichtige Rolle als „Ideologieproduzentinnen“, wie das NRW-Innenministerium gegenüber DER WESTEN berichtete.

Das liege nicht zuletzt daran, dass sich die Salafistenszene immer mehr in Kleingruppen und geschlossene familiäre Strukturen zurückzieht. Unter anderem mehrere Vereinsverbote in der Vergangenheit hätten dazu geführt.

Extremismus wird früh weitergegeben

„Die Familiengründung und die Erziehung der Kinder nach der salafistischen Ideologie sind vor allem unter den Frauen in der salafistischen Szene ein erklärtes Ziel“, so eine Sprecherin des Ministeriums. Den Behörden liegen Erkenntnisse über 45 bis 50 solcher Frauen vor - es dürfte noch weitaus mehr geben.

Es sei davon auszugehen, dass in Familien mit islamistisch-salafistischen Strukturen die extremistische Ideologie bereits im frühen Kindesalter immer stärker weitergegeben wird.

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Die NRW-Regierung erwägt deshalb, auch Kinder unter 14 Jahren von Sicherheitsbehörden beobachten zu lassen. „Die Jungen und Mädchen, die aus den Kriegsgebieten zurückkehren, haben oft Gewalt und Not erlebt, sind traumatisiert und im schlimmsten Fall auch radikalisiert“, so NRW-Innenminister Herbert Reul gegenüber DER WESTEN.

Fall für die Jugendhilfe, nicht für Verfassungsschutz

Die Behörden bräuchten daher Instrumente, um auch traumatisierte und gewaltbereite Rückkehrer unter 14 Jahren in den Blick nehmen zu können, so Reul weiter.

Kritik an den Plänen der Regierung gibt es vonseiten der Grünen. „Aus unserer Sicht ist das nicht der richtige Ansatz“, so Grünen-Landtagsabgeordnete Josefine Paul.

Auch Kinder aus rechtsextremistischen Familien gefährdet

Kinder, die in radikalisierten Familien aufwachsen, seien ein Fall für die Jugendhilfe und nicht für den Verfassungsschutz. „Wir beobachten nicht nur im islamistischen Spektrum, dass es mittlerweile radikalisierte Familien gibt und damit Kinder, die in eine extremistische Ideologie hineinwachsen. Das ist ein Problem, dass wir sehr ernst nehmen müssen.“ Das gelte nicht nur für islamistischen Extremismus, sondern auch für rechtsextremistische Familienstrukturen.

„Anstatt über die Beobachtung von Kindern durch den Verfassungsschutz zu diskutieren, sollten wir ernsthaft darüber sprechen, wo die Strukturen der Jugendhilfe verbessert werden müssen, um hier nachhaltig ansetzen zu können.“

SPD hält Pläne für bedenklich

Auch die SPD hält die Pläne für bedenklich. „Der Landtag hat zuletzt die Altersgrenze zur Überwachung von 16 auf 14 Jahre gesenkt. Kinder, die noch jünger sind, sollten nicht überwacht werden, sondern müssen aus dem familiären Umfeld herausgenommen werden, wenn eine Radikalisierung bekannt ist“, so der integrationspolitische Sprecher Ibrahim Yetim. Mehr Überwachung sei kein Allheilmittel.

Prävention sei vielmehr der Schlüssel. „Das Wichtigste ist, dass Kinder unterschiedliche Perspektiven kennenlernen und so Ansichten, die sie in ihrem familiären Umfeld mitbekommen, hinterfragen“, so Yetim. Eltern und insbesondere die Mütter müssten stärker in den Blick genommen werden. „Wir brauchen Ausstiegsprogramme für Frauen, die aus den radikalen Strukturen raus wollen.“

 
 

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