Ruhrgebiet: Verkehrschaos im Pott – Experte mit krasser Forderung

Auf der A40 im Ruhrgebiet stehen Autofahrer sehr oft im Stau.
Auf der A40 im Ruhrgebiet stehen Autofahrer sehr oft im Stau.
Foto: dpa

„A40? Nur wenne Zeit hast!“ Diesen völlig ironischen Spruch kennt so gut wie jeder im Ruhrgebiet. Wenn man zwischen den Städten hin- und her pendeln will (oder muss!) steht der Ruhrpottler vor der Frage: Fahre ich jetzt mit dem Auto über die Autobahn und versacke im Stau oder warte ich auf den möglicherweise verspäteten RE1?

Der Mobilitätsforscher Andreas Knie fasst du Situation im Pott passend zusammen: „Im Ruhrgebiet klappt gar nichts im Verkehr!“

Er meint: „Im Ruhrgebiet hat man auf's Auto gebaut, war immer nur auf's Auto fixiert und da sind jetzt die Grenzen erreicht“. Der Berliner Professor am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) arbeitet derzeit an einer Mobilitätsstudie fürs Revier.

Sie beschäftigt sich mit der Frage, wie der Verkehr und insbesondere die Umweltbelastung geändert werden können.

Ruhrgebiet: Verkehrschaos im Revier – deshalb fordert ein Mobilitätsexperte die City-Maut

Und eben jenes Verkehrschaos im Pott will er massiv senken. Wie? Der Verkehrforscher fordert eine sogenannte City-Maut. Das bedeutet: Du musst für dein Auto zahlen, für jede einzelne Fahrt und auch für das Parken. Es sei denn, du nutzt ein E-Auto. Denn die dürften weiterhin kostenlos fahren.

Alle anderen Autos mit „dreckigen Verbrennungsmotoren“ müssen blechen. Auch große Autos wie SUVs beispielsweise müssten mehr zahlen. „Es muss teuer werden für Autos, die groß und dreckig sind“, fordert er deutlich.

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Einem Aufschrei in der Bevölkerung sieht der Experte locker entgegen. Der Mensch im Ruhrgebiet denke groß, meint Knie. „Klar, es ist neu und es wird sicherlich nicht mit Freude empfangen, weil es etwas ist, was früher umsonst war.“

Aber: So könnten Dieselfahrverbote aufgehoben werden. Und: Alle ärmeren Menschen – die Einkommensschwelle ist dort aber noch nicht festgelegt – sollen von der Zahlung befreit werden, etwa wie bei der Rundfunkgebühr.

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Aber warum die City-Maut? Warum nicht die Umweltspur, Tempo 30-Zonen oder Durchfahrtsverbote für Lkw?

„Das bringt nichts. Wir brauchen eine Lenkungsabgabe. Wenn viele Menschen sagen: 'Ach, wenn es so teuer ist, dann fahre ich nicht, wenn es nicht unbedingt sein muss'. Es war bisher zu bequem. Vielleicht sagen sich die Leute dann, ich nehme doch mal den Zug oder den Bus.“

City-Maut fließt in den Öffentlichen Nahverkehr und den Radschnellweg

Die City-Maut soll dann nicht die Stadtkassen füllen, sondern fließe in die Infrastruktur. Die Radwege durchs Ruhrgebiet sollen weiter finanziert werden. „Der Radschnellweg ist eine Peinlichkeit des Ruhrgebiets. Er müsste längst fertig sein“, meint der Mobilitätsexperte.

In der Realität existiert bislang lediglich ein Teilstück zwischen Mülheim und Essen. Die geplanten 100 Kilometer zwischen Duisburg und Hamm sind noch nicht fertiggestellt.

Auch müsse der öffentliche Nahverkehr von den Einnahmen durch die City-Maut ausgebaut werden. Knie spricht dabei den Kahlschlag der Ruhrbahn in Mülheim an. >>>mehr zu den drastischen Sparmaßnahmen der Stadt Mülheim liest du hier.

Die Taktung müsse im gesamten Ballungsraum ausgebaut werden, Angebote nach 20 Uhr sollen attraktiver gestaltet werden und der Punkt-zu-Punkt-Verkehr müsse gefördert werden.

Auch zu den verbilligten Tickets der Ruhrbahn-Kampagne, um Autofahrer zu bewegen, auf Bus und Bahn umzusteigen, sieht er kritisch. Denn: „Etwa zehn Prozent der jetzigen Autofahrenden würden sich für ein Umsonst-Ticket momentan motivieren lassen. Der ÖPNV muss erheblich verbessert werden“, ist Knie sich sicher.

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Er ist außerdem auch ein Verfechter verschiedenster alternativer Taxidienste wie Clevershuttle, Uber und andere sogenannte Ride-Pooling-Systeme. Übrigens: Seit Jahren hat der Mobilitätsexperte kein eigenes Auto mehr, ist auf das Bahnfahren und die per App buchbaren Fahrdienste umgestiegen.

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Wie sieht er den Verkehr denn in zehn Jahren im Ruhrgebiet? „In zehn Jahren?“, fragt er nach und überlegt ganz kurz. Dann kommt seine Antwort überzeugt daher: „Wir haben nur noch die Hälfte der Fahrzeuge. Wir haben viel viel mehr Platz für den Nahraum. Das heißt, er ist viel viel attraktiver. Die Leute gehen viel mehr zu Fuß, fahren viel mehr Fahrrad und wir haben ein unglaublich gut ausgebautes Nahverkehrssystem. Von Duisburg nach Dortmund kommen wir ratzfatz. Alle zehn Minuten fährt da ein ganz schneller Zug hin und her. Und die letzte Meile machen wir mit Ride Pooling. Die Menschen im Ruhrgebiet brauchen kein eigenes Auto.“

Noch sind diese Forderungen unveröffentlicht. Die Studie, die gemeinsam mit der Mercator-Stiftung und dem Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen erarbeitet wird , solle offiziell voraussichtlich im Sommer 2019 vorgestellt werden.

 
 

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