Zurück zu den Wurzeln - und zu einem Standpunkt

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Schluss mit der Selbstverzwergung! Das Ruhrgebiet kann Klima-Metropole werden, meint der Direktor des Kulturwissenschaftlichen Institutes, Claus Leggewie in seinem ersten Gast-Blog für DerWesten und mahnt, die Teile der Region als Ganzes zu verstehen.

Dass ich in Essen zwischen Bismarck(allee) und Goethe(strasse) an der riesigen Folkwang-Baustelle Quartier bezogen habe und als geborener Wanne-Eickeler zu den Wurzeln zurückgekehrt bin, war eine gute Entscheidung. Mir gefällt es hier, auch wenn manche Besucher ein besorgtes Gesicht machen, ob es mir hier wirklich gut gehen wird. Das „Wir“ geht mir schon wieder leicht über die Lippen.Dabei fällt mir aber der alte Hang des Ruhrreviers zur Selbstverzwergung auf. Zwar spricht man hier ständig von der „Metropole im Werden“, vergisst aber nicht, im selben Atemzug die „dreiundfünfzig Städte und Gemeinden“ anzuführen, auf die es dort anscheinend wirklich ankommt. Verzeihung: Kaum ein Schöneberger ist je in Pankow gewesen und umgekehrt, aber das wird die Berliner doch nicht davon abhalten, sich als solche zu fühlen und – aufzuspielen. Und ich kann mich erinnern, wie wenig die Leute in Queens von denen auf der Upper East Side in Manhattan hielten, aber draußen im Lande sagten sie alle stolz: „We’re from New York“. Also: 53 Städte und Gemeinden sind gut als Vororte und Teile eines Ganzen, sonst wird das nichts aus der gefühlten Metropole. Wir leben in Bottrop oder Wetter, aber wir kommen aus…–

Wie soll das Kind eigentlich heißen?

Ja, wie soll das Kind eigentlich heißen? Metropole im Werden, das klingt nach baldiger Niederkunft. Aber keine Angst, wenn es so weit ist, fällt auch den zögerlichsten Eltern ein Name ein. Metropole werden ist schwer, Metropole sein gar nicht so sehr, wenn man einfach einen Blick auf die Landkarte wirft und die Zahlen sprechen lässt. Also Schluss mit der Selbstverzwergung - wir sind, das hat sich doch rumgesprochen, Kulturhauptstadt Europas. Dass diese Wahl draußen bisweilen mit Verwunderung zur Kenntnis genommen wurde und man im Ruhrrevier nicht zur Angeberei neigt (jedenfalls, so lange es nicht um Fußball geht), kann nur von Vorteil sein. Denn das Wichtigste an seienden Metropolen ist doch, dass sie daraus nicht so viel Gedöns machen.„Contract Ruhr 2030“ hieß kürzlich ein „Event“, das reichlich viel Gedöns machte aus den Perspektiven der Region.

Es stimmt aber: Hier gibt es eine fast einzigartige Zusammenballung von Erfahrung, Wissen und Neugier. Erfahrung mit einem gigantischen Strukturwandel von der Industrie- in die Dienstleistungsregion, Wissen auf so wichtigen Feldern wie Energie und Logistik, Werkstoffen und Anlagenbau und Neugier auf eine Zukunft, in der die Metropole lernen muss, auf vorbildliche Weise zu schrumpfen. Ja, das ist der größte Vorteil dieser Metropole, dass sie nicht ins Uferlose wächst wie die Mega Cities der Welt, sondern wieder auf menschliches Maß zurückgeführt werden kann. Und damit Modell werden kann. Da komme ich zu dem Punkt, für den ich im Ruhrgebiet, bei allen „53 Städten und Gemeinden“ werbe: Der Wandel von der Industriemetropole zur Kulturhauptstadt war nicht genug. Das Ruhrgebiet verdient eine neue Vision, die mit einem anderen Wandel zu tun hat: dem Klimawandel. Die stolze Ballung aus Erfahrung, Wissen und Neugierde sollte dafür eingesetzt werden, dass die Ruhr-Metropole zur klimapolitischen Modellregion heranreift. Es ist ja schön, wenn Heidelberg seine Emissionen noch weiter senkt. Aber hier an der Ruhr können fünf Millionen Menschen wirklich einen Unterschied machen. Und Klima-Metropole werden.

Claus Leggewie ist Direktor des Kulturwissenschaftlichen Institutes in Essen. Der renommierte Politik- und Sozialwissenschaftler war unter anderem 1995 bis 1997 erster Inhaber des Max Weber-Chair an der New York University, bis März 1998 Faculty Fellow am Remarque Institute der New York University. Lange Jahre lehrte er an der Universität Gießen. Seine Forschungsschwerpunkte: Vergleichende Politik- und Systemanalyse; Deutsche Politik nach 1945; Radikale, konservative und religiöse rechte in Europa und den USA; Multikulturalismus; Migration und Globalisierung; Politische Generationen sowie Politische Kommunikation unter besonderer Berücksichtigung des Internet.

Claus Leggewie wird regelmäßiger Gast-Blogger bei DerWesten: Seine Themen hier: die Sorgen, Nöte und Chancen der Metropole an Rhein und Ruhr, die nach ihrer Mitte und Identität sucht.

 
 

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