Zehn Jahre nach NSU-Mord in Dortmund: Warten auf die Wahrheit

Ein kleiner Gedenkstein auf dem Boden vor seinem Kiosk erinnert an Mehmet.
Ein kleiner Gedenkstein auf dem Boden vor seinem Kiosk erinnert an Mehmet.
Foto: Funke Foto Services
Vor zehn Jahren erschoss der NSU in Dortmund den Kioskbesitzer Mehmet Kubaşık. Noch immer sucht seine Familie nach Antworten.

Dortmund. Heute, am 4. April 2016, werden sie hier wieder Blumen niederlegen. Rosen, weiße oder rote, sie bringen Farbe in das graue Umfeld, aber sie bringen Mehmet Kubaşık nicht zurück. Und seiner Familie keinen Frieden. Auch nicht zehn Jahre nach dem Tag, an dem Kubaşık hier erschossen wurde, kurz vor dem 40. Geburtstag: Mallinck­rodt­straße 190 in Dortmund, in seinem Kiosk. Weil Frau und Kinder heute wissen, wer es war, aber nicht, warum so viele weiter schweigen.

„Wir gehen wieder zurück in die Zeit“, sagt Elif Kubaşık, „und erleben das noch einmal.“ Das war im Januar, vor dem NSU-Untersuchungsausschuss des Landtages in Düsseldorf. Aber die Witwe hat diesen Satz so ähnlich auch in München gesagt, es war 2013, der Prozess gegen Beate Zschäpe. Und 2011, als bekannt wurde: Mehmet Kubaşık war das achte Opfer des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt und von Zschäpe, vielleicht. Bei allen Befragungen, jedesmal geht Elif Kubaşık, die bis heute Schwarz trägt, „wieder zurück in die Zeit“: als am 4. April 2006 ihr Mann erschossen wurde, zwei Schüsse in den Kopf, zwei daneben. Es war mittags, kurz vor eins. Und die Polizei suchte den Täter bei Elif Kubaşık zuhause, in ihrer Familie, in ihrem Umfeld.

Den Kiosk gibt es nicht mehr

In der Nordstadt, wo die Straßen nach deutschen Dichtern heißen und der Bäcker Karasu, der Supermarkt Al Fath. Es gibt viele solcher Büdchen hier, Kioske wie den von Mehmet Kubaşık. Seinen eigenen gibt es nicht mehr. Das Rolltor ist geschlossen, die Reklame zerbrochen, in den Eingang hat jemand „No Nazis“ geschmiert. Am Nachbarhaus, weiß getüncht und nicht so schmutzig-grün wie Nummer 190, steht in frischen, roten Lettern: „Nazibanden zerschlagen!“ von gegenüber grüßt die „Antifa“.

Heute wird sie hier wieder zusammenkommen, es ist der „4. Tag der Solidarität“, Elif Kubaşık wird unter ihnen sein und der Oberbürgermeister. Sie werden erinnern an den Mord, an den viele Nachbarn nicht mehr gern denken. Zehn Jahre danach wollen sie nicht mehr reden, nicht über die Schüsse, nicht über die eigene Angst. Dabei gab es lange viel Gerede: Dass Mehmet Kubaşık ein Mafiamann war, erzählte man sich, dass der gebürtige Kurde Verbindungen hatte zur PKK, dass er mit Drogen handelte oder eine Geliebte habe, das mindestens. Sie zeigten mit dem Finger auf die Witwe, und mit ihren Kindern spielten sie nicht mehr.

„Meinen Vater zu verlieren, war schon schlimm“, sagte Tochter Gamze, inzwischen 30, vor dem NSU-Untersuchungsausschuss. „Aber dass man uns auch noch die Ehre genommen hat – das war das Schlimmste.“ Die Frau, damals 20, sagt, man habe ihnen allen „das Leben genommen. Und das war die Polizei“. Die all diese Vermutungen wohl erst in die Welt brachte, weil sie den Mörder unter Türken wähnte. Nicht unter den Rechten, nicht als Teil einer Serie, obwohl sie wusste, dass die Waffe mehrfach benutzt worden war, um zu töten.

Heute Abend in Dortmund werden sie wieder fragen warum. Werden sich über den kleinen Gedenkstein beugen und darüber reden, ob weitere Morde nicht hätten verhindert werden können, wie es in einem Aufruf zum Jahrestag heißt. Die Familie, hat Gamze Kubaşık vor dem Ausschuss gesagt, wolle endlich wissen: „Welche Rolle spielte der Verfassungsschutz? Wieso haben die Ermittlungsfehler für niemanden Konsequenzen?“

In Düsseldorf, sagt Rechtsanwalt Peer Stolle, habe man den Frauen „zum ersten Mal ausführlich und sehr aufmerksam zugehört“. Kuba- şıks, so Stolle, „würden sich wünschen, dass die Wahrheit ans Licht kommt, dass sie merken: Alle Institutionen arbeiten daran, die Sache aufzuklären“. Doch habe auch der Prozess bislang enttäuscht: „Es ist niemand interessiert.“

Wenn sie heute Nachrichten hört, gestand Tochter Gamze in einem Interview, müsse sie oft weinen. Sie hat manches Mal geholfen im Kiosk, nach der Berufsschule. Und dann haben sie geredet, Vater und Tochter. „Wir waren Freunde“, sagte Gamze. „Das Vermissen wird jeden Tag schlimmer.“

 
 

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