Wo bleibt der Aufschrei der Atomkraftgegner?

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Hamm. Nach dem Strompreis-Schock ist die Kernenergie wieder salonfähig. Wo bleibt der Aufschrei der Anti-AKW-Bewegung? In Hamm, wo einst ein Reaktor-Unfall Tausende auf die Straße trieb, schlummert sie noch. Doch Atomkraftgegner sind sicher: Bald könnte ein neuer "Volksaufstand" ausbrechen.

Es sind nur sieben Kilometer. Horst Blume sagt das immer wieder. Er sagt es mit unheilvollem Unterton. Schließlich ging es für ihn um Leben oder Tod. Sieben Kilometer liegen zwischen Blumes Elternhaus, in dem er bis heute lebt, und jenen gewaltigen Betonblöcken, die an der Autobahn 2 im Niemandsland zwischen Dörfern und Äckern emporragen. Hier, im ländlichen Hamm-Uentrop, wurde in den 70er und 80er Jahren ein Atommeiler hochgezogen. Neben Würgassen im Kreis Höxter war es das einzige große Kernkraftwerk in NRW, das je ans Netz ging.

Warum ausgerechnet hier, warum ausgerechnet bei uns? Diese Frage trieb zunächst nur wenige Menschen in der Gegend um. Als Horst Blume und eine Hand voll Atomkraftgegner im Februar 1976 die Bürgerinitiative Hamm gründeten, kamen gerade einmal 60 Menschen. Doch die Angst wuchs mit jedem Jahr. 1983 trommelte die Initiative schon 3000 Bürger zu einer Demonstration vor der Reaktor-Baustelle zusammen. Nur wenige Monate nach der Eröffnung dann die erste böse Überraschung: Am 4. Mai 1986, rund eine Woche nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl, kam es im Atomkraftwerk Hamm-Uentrop zu einem Störfall. Radioaktivität gelangte in die Umgebung.

„Wenn die Politiker so weitermachen, platzt vielen der Kragen“

„Das war unser Durchbruch“, sagt Horst Blume. Dieser Vorfall schweißte viele Menschen der Region zu einer großen Anti-Atomkraft-Bewegung zusammen. Ob Bauern, Handwerker oder Angestellte, ob Landjugend, Freiwillige Feuerwehr oder Angelverein – alle demonstrierten vor den Toren des Kernkraftwerks. 1989 wurde der Atommeiler in Hamm-Uentrop, einst als einer der modernsten der Welt gepriesen, schließlich für immer abgeschaltet. Für die Bürgerinitiative Hamm war das der größte Erfolg und zugleich ihr Todesstoß. Die meisten Bürger waren nun beruhigt und zogen sich zurück. Der Atomkonsens der rot-grünen Bundesregierung im Jahr 2000 beschwichtigte den Rest. Seitdem schlummert die Anti-AKW-Bewegung - auch in Hamm. Heute zählt die Bürgerinitiative nur noch sechs Aktive. Sie treffen sich alle vier bis fünf Wochen.

Doch Horst Blume ist sicher: Der Widerstandsgeist von damals wartet nur darauf, geweckt zu werden. Bald wird wieder ein Volksaufstand ausbrechen, prophezeit er. „Wenn die Politiker so weitermachen, platzt vielen der Kragen“, sagt Blume. Dann werden die Atomkraftgegner wieder zu Tausenden auf die Straße gehen. Vor allem Politiker aus Union und FDP rütteln jetzt am Atomausstieg. Sogar die Kanzlerin fordert längere Laufzeiten für Atomkraftwerke und die CSU liebäugelt schon mit Neubauten. Auch die NRW-Landesregierung will den Atomausstieg kippen. Berichte über katastrophale Zustände im Atommüll-Lager Asse und die Risiken der Kernenergie geraten ins Hintertreffen. Es ist vor allem der Strompreis-Schock, der die Atomkraft wieder salonfähig gemacht hat.

„Erpressungsmanöver der Energiekonzerne“

Auch in der Bevölkerung ist die Stimmung umgeschlagen. Bei einer aktuellen Umfrage zu den Ängsten der Deutschen stehen die steigenden Lebenshaltungskosten auf Sorgenplatz Nummer eins. Die Menschen hoffen, dass die Strompreise nicht weiter in die Höhe schnellen. Inzwischen befürworten 54 Prozent der Deutschen längere Laufzeiten für die 17 Kernkraftwerke, während nur noch 40 Prozent am beschlossenen Zeitplan für den Atomausstieg bis 2021 festhalten wollen. Es scheint, als ob die Grundsatz-Debatte um Kernenergie noch einmal von vorne beginnt.

Für Anti-Atomkraft-Aktivisten wie Horst Blume stehen damit die Früchte eines über 30-jährigen Kampfes auf dem Spiel. Blume ist stolz, der Mitbegründer „der zweitältesten, noch aktiven Anti-AKW-Bewegung Deutschlands“ zu sein. Und er ist wütend. Hinter all dem wittert er ein Erpressungsmanöver der Energiekonzerne. „Die wollen ihre Gelddruckmaschinen nur so lange wie möglich am Netz halten“, sagt Blume. „Von den Gewinnen haben die Verbraucher überhaupt nichts.“

Horst Blume ist kein ideologischer Eiferer. Eigentlich ist er ein besonnener Mann. Es ist die Angst, die ihn bis heute kämpfen lässt. „Solange ich etwas unternehme, habe ich mich immer sicher gefühlt“, sagt er. Der 53-jährige Agraringenieur wirkt wie ein kumpelhafter Lehrer, der auch mal ein Auge zudrückt. Er trägt Jeans, Pulli und Sandalen, Dreitagebart, ein rotes Leinentuch um den Hals gebunden. „Ich bin kein großer Redner“, sagt er von sich selbst. Und er möchte vor allem eins nicht sein: ein Einzelkämpfer. In den vergangnen Monaten war Blume wieder viel mit dem Fahrrad in der Gegend unterwegs und hat Flugblätter verteilt. Die aktuelle Forderung der Bürgerinitiative: Der Standort Hamm-Uentrop soll auf die mögliche Häufung von Krebsfällen in der Nähe des stillgelegten Reaktors untersucht werden. 4000 Unterschriften hat Blume gesammelt und persönlich beim Bundesumweltministerium in Berlin vorbei gebracht.

„Friedliche Guerillataktik“

Harald Haun hat die Unterschriften-Listen in seinem Hofladen ausgelegt. Der Landwirt zählt ebenfalls zu den Gründervätern der Anti-Atomkraft-Bewegung in Hamm. „Vor allem die Älteren hier in der Gegend haben den Reaktor-Unfall nicht vergessen und leben teilweise immer noch in Angst. Die würden sich schnell wieder mobilisieren lassen“, sagt der 53-Jährige. Für den Fall des Falles steht noch Hauns alter Traktor im Stall, mit dem er damals im Treck mit anderen Bauern über Monate immer wieder die Haupteingänge des Kernkraftwerks blockiert hat.

„Friedliche Guerillataktik“, nennt Blume das heute. „Wir waren gewaltfrei und ein bisschen provinziell“. Sie blieben zwei, drei Tage lang, geduldet von den örtlichen Polizisten, die auch Angst um ihre Familien hatten. Dann zogen sich die Atomkraftgegner ohne Widerstand zurück, um ein paar Tage später wieder zuzuschlagen. Horst Blume hat vor jeder Aktion immer ein paar Journalisten Bescheid gesagt: Fotos und Berichte waren ihnen zumeist sicher. „Das waren die aufregendsten Monate meines Lebens“, sagt Blume.

Der stille Harald Haun gerät ebenfalls ins Schwärmen, wenn er an die Blütezeit der Bewegung zurückdenkt. „Für mich war das ein großes Glück“, sagt er. „Ich hatte zum ersten Mal die Chance, über den Tellerrand zu schauen. Sonst hätte ich mich vermutlich nie für alternative Energien und Ökolandbau interessiert.“ Haun betreibt einen Bioland-Hof mit Mutterkühen, Schweinemast und Ackerbau. Das Dach der Scheune bedeckt eine Fotovoltaik-Anlage. Der rote Klinkerbau liegt sechs Kilometer vom Atommeiler entfernt – sechs Kilometer. Von der Wiese hinter der Scheune aus konnte man früher den riesigen Kühlturm sehen. Doch den hat der Betreiber 1991 abgerissen. „Das war für die ja ein Dokument der Niederlage“, mutmaßt Blume.

Teurer Stillstand

Heute sind vom Atommeiler nur noch riesige graue Betonblöcke übrig. Sie wurden direkt an ein altes Kohlekraftwerk gebaut, bilden zusammen mit diesem ein gigantisches Ensemble mitten auf dem flachen Land. Von der Straße aus sind die Überbleibsel des Atommeilers kaum zu sehen. Es scheint beinahe, als ob er sich hinter dem Kohlekraftwerk verstecken würde. Die Kontrolle des schlummernden Reaktors kostet Land und Bund laut NRW-Wirtschaftsministerium immer noch 2,8 Millionen Euro im Jahr. Der Atommeiler könnte aus Kostengründen vielleicht sogar abgerissen werden, befürchtet Horst Blume. Für ihn eine Horror-Vorstellung: „Wenn der aufgemeißelt wird, tritt womöglich wieder Radioaktivität aus.“

Neben dem Beton-Koloss ragen ein Dutzend Kräne aus einer riesigen Baustelle hervor. Hier entsteht ein neues Steinkohlekraftwerk, das RWE zusammen mit 23 Stadtwerken baut. Zur Grundsteinlegung Ende August kam sogar Kanzlerin Angela Merkel vorbei. Horst Blume hat die Chance ergriffen, und war mit Flugblättern vor Ort. Er war nicht allein. Mit ihm hatte sich auch eine kleine Gruppe von Umweltschützern vor dem Werk postiert. Sie demonstrierten gegen den „Klimakiller Kohle“. Horst Blume ist kein Kohlegegner. Man müsse seine Kraft bündeln und auf eine Sache konzentrieren, sagt er. Und vor allem einen langen Atem haben. „Gandhi hat auch jahrzehntelang für die Unabhängigkeit Indiens gekämpft und schließlich das Land befreit.“

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